Sport : Eine verblasste Liebe

Oberhausen nähert sich der Bundesliga – die Bewohner schwärmen längst für andere Klubs

Richard Leipold

Oberhausen. Viele Jahre lang ist der SC Rot-Weiß Oberhausen in der Zweiten Fußball-Bundesliga nicht weiter aufgefallen. Eine Weile weckte der vormalige Trainer Aleksandar Ristic mit seiner clownesken Art ein wenig Aufmerksamkeit, ansonsten interessierten sich nur Nostalgiker und Unverbesserliche für den Ruhrgebietsklub. Das vierblättrige Kleeblatt im Vereinsemblem wirkte als Glücksbringer auf Dauer überfordert. Seine Kraft reichte gerade, um den Verbleib in der zweiten Klasse sichern zu helfen. Seit kurzem hat das Kleeblatt Verstärkung. Während der Heimspiele steht eine Gans namens Lucy dem SC Rot-Weiß bei. Bisher hat sie ihrem Klub gute Dienste geleistet. Mit zwei Siegen in die Rückrunde gestartet, ist Oberhausen Tabellenführer.

Alles Glückssache? Das würde dem neuen Fußball am Niederrhein und dem neuen Cheftrainer nicht gerecht. Mehr als mit der Gans ist der Erfolg der Mannschaft mit Jörn Andersen verknüpft. Der 41 Jahre alte Norweger hat in sieben Monaten aus einem mausgrauen Abstiegskandidaten den Tabellenführer der Zweiten Liga gemacht; immer noch mausgrau, aber mit sportlichen Farbtupfern. In dieser Saison spielen die Rot-Weißen passablen Fußball, verglichen mit dem eigenen Gestümper der letzten Jahre geradezu famosen.

Andersens Oberhausener Wende kam wie aus dem Nichts. Vorher hatte er einige Jahre die Junioren des Schweizer Klubs FC Luzern trainiert. „Das war ein anderes Niveau“, sagt er, „aber Trainer ist Trainer.“ Vor allem, wenn hinter der Person eine Strategie steckt – oder eine „Philosophie“, wie der einstige Bundesliga-Torschützenkönig Andersen seine Formel des modernen, offensiven Fußballs nennt, bei dem „viele Spieler angreifen und die Mannschaft hinten trotzdem gut steht“. In Oberhausen waren sie den oft ungenießbaren Sicherheitsfußball Marke Ristic gewohnt, altbackene Abwehrarbeit, deren System keinen Unterschied zwischen Heim- und Auswärtsspielen duldete: hinten drinstehen und auf Gegenstöße lauern.

Andersen hat im Sommer „einen totalen Neuaufbau“ eingeleitet, personell wie taktisch. Er tauschte gesichtslose Profis gegen namenlose, aber teils vielversprechende Spieler aus, die der Mannschaft alsbald Konturen gaben. Im Verbund mit wenigen Altvorderen wie Torhüter Oliver Adler oder Mittelfeldspieler Frank Scharpenberg setzten die Neuen Andersens Vorgaben rasch in die Tat um; schon seit dem vierten, fünften Spieltag spürt Andersen den Respekt der Konkurrenz: „Die Gegner haben gemerkt, dass wir gut Fußball spielen können.“

Die Bewohner Oberhausens haben es zum Großteil noch nicht wahrgenommen. Nach Jahren der Tristesse hat sich noch keine Begeisterung ausgebreitet. Selbst zum Rückrundenauftakt gegen Bielefeld besuchten nur 6000 Zuschauer das Niederrhein-Stadion. Der Schnitt liegt in dieser Saison bei knapp 4500 Besuchern. „Hier ist an jeder Ecke ein großer Klub, da ist es schwer, Zuschauer zu gewinnen, vor allem wenn ein Verein so lange unten gestanden hat“, sagt Andersen. In der Stadt ist Rot-Weiß ein Gesprächsthema. Doch die Bewohner haben sich nach dem Abstieg des Klubs aus der Bundesliga 1973 längst einen anderen Liebling gesucht und fahren zum FC Schalke 04, zu Borussia Dortmund oder zum VfL Bochum.

Um ihr Ziel nun auch nach außen zu unterstreichen, haben die Oberhausener in der Winterpause drei Profis verpflichtet: den früheren Frankfurter Verteidiger Geri Cipi sowie die beiden Stürmer Caio Ribeiro Decoussau und Tibor Tokody. „Der Klub will deutlich machen, dass wir den Aufstieg anstreben“, sagt Andersen. Wie weit der Verein mit dem niedrigsten Budget der Zweiten Liga von der höchsten Klasse entfernt ist, zeigt indes die Präsentation der Zugänge. In der Stadionpostille wird ein Spieler wie Caio, der schon für Inter Mailand und den FC Santos gekickt hat, unter derselben Rubrik vorgestellt wie die Fleischerei Reuschenbach.

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