Sport : Eine Welt voller Feinde Warum Hollands Trainer Advocaat aufhören wird

Stefan Hermanns[Lissabon]

Dick Advocaat hat in der vergangenen Woche Beistand aus der Heimat bekommen. Jan Peter Balkenende, der holländische Ministerpräsident, hat den Trainer der holländischen Nationalmannschaft an der Algarve angerufen und seine Hoffnung kundgetan, dass die niederländischen Fußballer noch eine weitere Woche in Portugal bleiben. Dann stünden sie im Finale der Europameisterschaft. „Das verstehe ich gut“, sagte Advocaat. „Dann ist mein Gesicht weiterhin jeden Tag im Fernsehen zu sehen, und er hat noch eine Woche Ruhe.“

Es ist schon paradox: Die holländische Nationalmannschaft steht mit ihrem Bondscoach vor dem größten Erfolg seit 16 Jahren, doch wohl nicht einmal der zweite EM-Titel nach 1988 könnte die öffentliche Meinung noch zu Gunsten von Dick Advocaat wenden. Der Bondscoach selbst scheint nicht mehr gewillt zu sein, bis zum Ende seines Vertrags im Sommer 2006 im Amt zu bleiben. Einmal hat er sich verraten, als er auf die Frage nach seiner Zukunft geantwortet hat: „Ich weiß, wie ich mich entscheiden werde, aber ich weiß noch nicht, was ich machen werde.“ Offiziell hält er seine Entscheidung noch geheim: Ob er den Vertrag erfüllen werde. „Darauf antworte ich nicht.“ Weil? „Weil ich darauf nicht antworte.“ Weil? „Ich die Antwort schon gegeben habe.“ Und die wäre? „Dass ich darauf nicht antworte.“

Man merkt, wie sehr es Advocaat belastet, den Journalisten gegenüberzusitzen, die er für die Hetze gegen seine Person verantwortlich macht. Er ist in ein verlogenes Schauspiel geraten, und nicht immer gelingt es Advocaat, ein fröhliches Gesicht zu diesem bösen Stück zu machen. Ob er verbittert sei. „Verbittert nicht, aber enttäuscht“, sagt er, und dass er sich Sorgen mache wegen der Stimmung in den Niederlanden. Von Drohungen ist die Rede. Advocaat bestreitet das. Wie es dazu gekommen sei, wird er gefragt. Advocaat zögert einen Moment. Die Frage ist eine Unverschämtheit. „Ich denke, dass ihr das wisst.“

„Morgens sagen sie dir noch höflich Guten Tag, und abends rammen sie dir ein Messer in den Rücken“, hat der Bondscoach einmal über die niederländische Kultur der Kritik gesagt. Bestes Beispiel für diese Perfidie ist Louis van Gaal, Advocaats Vorgänger im Amt. Vor dem letzten Gruppenspiel der Holländer gegen Lettland stand er noch plaudernd und scherzend mit Advocaat zusammen; wenn er aber abends für einen holländischen Privatsender den Experten gibt, erklärt er den Zuschauern an der Taktiktafel, welche falschen Entscheidungen der Bondscoach wieder einmal getroffen hat. In Deutschland wäre es undenkbar, dass ein Trainer die Arbeit eines Kollegen kommentiert; in Holland findet selbst van Gaal noch ausreichend Gehör, der vor zwei Jahren das Scheitern der Nationalmannschaft in der WM-Qualifikation zu verantworten hatte.

Advocaat hingegen steht mit Holland im Halbfinale der Europameisterschaft. Er hat damit die Vorgabe seines Verbandes erfüllt, und vor allem ist es ihm gelungen, einen als schwierig geltenden Kader einigermaßen bei Laune zu halten. Möglicherweise hat die heftige Kritik bei den Spielern einen Solidarisierungeffekt mit dem Bondscoach ausgelöst. „Das ist doch sehr weit gegangen“, sagt Ruud van Nistelrooy. „Für uns war das auch nicht lustig.“

Aber Advocaat wird das alles nicht mehr helfen. Jetzt, da er Erfolg hat, fangen seine Kritiker an, darüber zu nörgeln, dass die Mannschaft nicht schön genug spielt. Irgendwas werden sie immer finden. Jan Mulder, der beliebteste Fußballexperte des Landes, hat gesagt, dass Advocaat natürlich nicht weitermachen könne, wenn er im Halbfinale gegen Portugal verliere. Sollte er allerdings Europameister werden, dann müsse er die Gelegenheit nutzen, um auf dem Höhepunkt seiner Karriere zurückzutreten. Mit anderen Worten: Hauptsache, er ist endlich weg.

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