Sport : Eine Zukunft am Rande des Ruhrgebiets

Duisburg hat marode Industrien, 15 Prozent Arbeitslosigkeit – und ein neues, 43 Millionen Euro teures Fußballstadion

Stefan Hermanns[Duisburg]

Walter Hellmich hat in seinem Leben schon einige große Momente erlebt. Sein Unternehmen hat die Arena Auf Schalke gebaut, außerdem hat er mit seinem Geld und seinem Einfluss den Tennisklub Blau-Weiß Dinslaken aus der Bezirksklasse zur deutschen Meisterschaft geführt. Doch vermutlich wird ihn das alles nicht so sehr berührt haben wie das Ereignis, das ihm heute bevorsteht. Am Sonntagabend spielt der MSV Duisburg zum ersten Mal in seiner fertigen neuen Arena. „Gigantisch schön“ findet Hellmich das Fußballstadion, mit dem er in dreifacher Beziehung steht. Walter Hellmich hat die Arena mit seinem Unternehmen gebaut, dazu aus seinem eigenen Vermögen „nicht gerade wenig“ investiert, und praktischerweise ist er auch noch der Präsident des MSV Duisburg.

Das 43 Millionen Euro teure Stadion auf dem Areal des alten Wedaustadions, eine auf das Wesentliche reduzierte Miniatur der Arena Auf Schalke, ist jedoch nur der sichtbare Ausdruck eines weit ehrgeizigeren Bauprojekts: „Wir wollen einen ganz neuen MSV bauen“, sagt Hellmich. „Mein Ziel ist, dass wir ein Vorzeigeverein werden.“

Die nächste Etappe auf diesem Weg soll der Aufstieg in die Bundesliga sein. Im Moment liegt der MSV auf Platz zwei in der Zweiten Liga, heute (20.30 Uhr, live im DSF) kommt der Tabellenführer 1. FC Köln zum Spitzenspiel. Die MSV-Arena – so heißt das Stadion jetzt – ist mit 31 500 Zuschauern ausverkauft, zum ersten Mal seit dem September 1994. Die letzten Karten wurden allerdings erst in dieser Woche abgesetzt. „Ich warte auf die Euphorie in der Stadt“, sagt Dirk Lottner, der vor dieser Saison aus Köln nach Duisburg kam.

Die reservierte Haltung der Duisburger zum ersten Fußballverein ihrer Stadt ist nicht neu. „Die Leute sind in all den Jahren ein bisschen gefrustet gewesen“, sagt Trainer Norbert Meier. „Sie sind erst einmal vorsichtig.“ Die Lokalzeitung „NRZ“ hat in dieser Woche nach den Perspektiven des MSV gefragt: Ob die Mannschaft souverän den Aufstieg schaffe, zumindest bis zum Schluss darum kämpfe, oder ob der MSV das große Ziel verfehle und wieder im Mittelfeld dümple. Knapp 40 Prozent entschieden sich bei dieser Umfrage für die letzte Variante. „Die Fans sind nicht verwöhnt worden“, sagt Walter Hellmich.

Bereits im fünften Jahr spielt der MSV jetzt in der Zweiten Liga, aber in dieser Saison scheint die Mannschaft die realistische Chance zu haben, den Aufstieg zu schaffen. Ein solcher Erfolg wäre auch für Duisburg wichtig. „Die Stadt ist gebeutelt“, sagt Hellmich. 15 Prozent der Menschen haben keine Arbeit, die alten traditionellen Industriezweige des Ruhrgebiets sind verschwunden. Da ist das neue Stadion ein Signal, dass auch in Duisburg etwas passiert – dass die Stadt am westlichen Ende des Ruhrgebiets eine Zukunft besitzt. „Viele Leute haben gesagt: Das geht überall, nur in Duisburg nicht“, erzählt Hellmich.

Der MSV ist in gewisser Weise ein Spiegelbild der Stadt. Umzingelt von den ungleich größeren und historisch erfolgreicheren Klubs aus Dortmund, Schalke und Mönchengladbach ist ihm ein gewisses Minderwertigkeitsgefühl nie fremd gewesen. „Die Leute sollen mit einer gewissen Hochachtung von ihrem Klub sprechen“, sagt Hellmich. Aber eine solche Mentalität entsteht nicht von heute auf morgen.

Auch die aktuelle Mannschaft ist über einen längeren Zeitraum gewachsen. Trainer Norbert Meier, früher Profi bei Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach, hat in den vergangenen beiden Jahren fleißig Spieler verpflichtet, doch erst jetzt scheint sich eins zum anderen zu fügen. Seit neun Spielen ist die Mannschaft ohne Niederlage, in den vergangenen sechs Spielen hat sie nur ein Tor kassiert, und in der Hälfte der 16 bisherigen Spiele ist sie ohne Gegentreffer geblieben. „Das ist eine sehr gefestigte Truppe“, sagt Arie van Lent von Eintracht Frankfurt, der einzigen Mannschaft, die bisher einen Punkt in Duisburg geholt hat.

Norbert Meier hat dem MSV eine beeindruckende Defensivorganisation verpasst, mit der es der Mannschaft gelingt, den Gegner weit vom eigenen Tor entfernt zu halten. „Unsere Stärke ist, dass wir vieles spielerisch lösen können“, sagt Meier, der vorher die B-Jugend von Bayer Leverkusen trainiert hat und auf Empfehlung des MSV-Heroen Bernhard Dietz engagiert wurde. Inzwischen erfährt der 46-Jährige sogar eine gewisse Anerkennung für seine Arbeit. „Ein bisschen Achtung und Respekt“ erwarte er von den Fans, nachdem er in der vergangenen Saison zum Teil noch offen angefeindet worden war. „Das kommt mit dem Erfolg“, sagt Walter Hellmich.

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