Sport : Einer dreht die Stimmung

Schwarzer führte das deutsche Team ins Finale

Erik Eggers[Köln]

Mit hängenden Köpfen waren seine Kollegen vom Spielfeld geschlichen, die geschockten Zuschauer hatten stumm das Gerry-Weber-Stadion in Halle verlassen nach der ernüchternden 25:27-Niederlage in der Vorrunde gegen Polen, die Kampagne der deutschen Nationalmannschaft bei dieser Handball-Weltmeisterschaft schien bereits gescheitert zu sein. Es lief nicht gut vor knapp zwei Wochen. Und dann kam Christian Schwarzer.

Der Kreisläufer, der wegen der Verletzung von Klimovets just sein Comeback gefeiert hatte, war mitgekommen zur Pressekonferenz. Der 37 Jahre alte Lemgoer blieb ruhig sitzen, während Heiner Brand die schwierige Situation analysierte. „Heiner hat eigentlich schon alles gesagt“, meinte er schließlich, „aber ich will euch nur noch mal daran erinnern, dass wir schon mal in der Vorrunde verloren haben, und ihr wisst ja alle, was danach passiert ist“. Er meinte die Niederlage bei der EM 2004 gegen Serbien und Montenegro, als das Team danach mit Wut im Bauch zum Titel gestürmt war. Zu der aktuellen Situation befand Schwarzer mit seiner tiefen, durchdringenden Stimme: „Wir können auch alle vier Spiele in der Hauptrunde gewinnen.“ Und alle erklärten ihn für verrückt angesichts des Leistungsstandes der Mannschaft. Aber Schwarzer behielt recht mit seiner Prognose.

Tags darauf erzählte Schwarzer, der im Sommer 2004 als Teil der sogenannten goldenen Generation um Stefan Kretzschmar, Volker Zerbe und Klaus-Dieter Petersen zurückgetreten war, wie er sich seine Rolle vorstelle in der Mannschaft. „Ich kann jetzt nicht alles umwerfen, was war“, sagte er, „aber ich werde mir das alles jetzt in Ruhe angucken und die Dinge ansprechen, die mir nicht gefallen.“ Dass einige „ältere Spieler mehr mit sich selbst zu tun hatten“, hatte er freilich schon registriert.

„Schwarzer hat zweieinhalb Jahre nicht in der Nationalmannschaft gespielt, man kann jetzt nicht erwarten, dass er Deutschland rettet“, sagte Bundestrainer Heiner Brand, als er ihn zurückholte. Man solle die Rolle des Rückkehrers nicht überschätzen. Doch knapp zehn Tage später schlug Brand dem Fachorgan „Handballwoche“ vor, Schwarzer „schon mal für die nächste Wahl zum Handballer des Jahrhunderts vorzumerken, denn wenn es so weit ist, bin ich ja nicht mehr da“. Gegen seine Erwartung hatten Schwarzers Hände eine am Boden scheinende Mannschaft tatsächlich wie durch ein Wunder zu blühendem Leben verholfen. Im wichtigen ersten Hauptrundenspiel gegen Slowenien warf Schwarzer vier Tore in vier Versuchen, aber es war nicht nur diese Quote, die die Mannschaft kurierte. Es war seine Präsenz, seine unbedingte Leidenschaft und Hingabe, die die Wende in diesem Turnier herbeiführte.

Natürlich half Schwarzer dabei dieser unglaublich hohe Stellenwert, den er sich im Verlauf seiner über 300 Länderspiele erarbeitet hat: Wenn andere Spieler meckern und eine Zeitstrafe kassieren, bekommt Schwarzer keine. Wenn andere Spieler einen Treffer aberkannt bekommen, weil sie zuvor im Wurfkreis aufgekommen sind, erhält Schwarzer das Tor oder wenigstens einen Siebenmeter. Wenn andere in der Abwehr vom Platz müssen, weil sie die Grenzen der Regeln überschritten haben, darf Schwarzer nach einem Schulterzucken weiterspielen. Auch die Gilde der Schiedsrichter hat Respekt vor ihm, spätestens seit dem olympischen Viertelfinale von Athen, als er in der zweiten Verlängerung gegen Spanien zwei Tore zum Ausgleich warf – wie in Trance, wie er hinterher einräumte: „Das war reiner Willen. Ich wusste nicht mehr, wie lange noch, und nicht, wie es stand, ich wusste nur noch, in welche Richtung es ging.“ Bei dieser Weltmeisterschaft dürfte es ähnlich sein.

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