Sport : Einer für alle und alle gegen Merkel

Für die Griechen ist das Viertelfinale gegen Deutschland mehr als nur ein Fußballspiel.

Jörn Lange
Tragischer Held. Georgios Karagounis, 35, schoss das Siegtor gegen Russland, aber wird das Viertelfinale gelbgesperrt verpassen.
Tragischer Held. Georgios Karagounis, 35, schoss das Siegtor gegen Russland, aber wird das Viertelfinale gelbgesperrt verpassen.Foto: REUTERS

Endlich hatten die Griechen wieder etwas, auf das sie stolz sein konnten. Monatelang musste die von der Finanzkrise gebeutelte Nation den Spott von halb Europa ertragen, nun, in der Nacht zu Sonntag, sorgte ihre Fußball-Nationalmannschaft endlich wieder für positive Schlagzeilen. Völlig überraschend erreichten die Griechen das Viertelfinale der Europameisterschaft – eine Sensation. Dort trifft das Team von Trainer Fernando Santos auf Deutschland. Ausgerechnet.

Es ist ein Duell mit Konfliktpotenzial, denn den Griechen fällt es anscheinend schwer, zwischen drohendem EM-Aus und Euro-Aus zu unterscheiden. „Die Bankrotten sind da“, titelte beispielsweise die Zeitung „Goalnews“ in Anlehnung an die Finanzkrise und fügte hinzu: „Jetzt bringt uns Frau Merkel.“ Selbst Nationaltrainer Santos konnte sich einen verbalen Seitenhieb nicht verkneifen. „Griechenland ist die Wiege der Demokratie“, sagte der Portugiese nach dem Sieg über Russland, „niemand sollte es sich erlauben, diesem Land Lektionen zu erteilen“. Auch Griechenlands Torwart Michalis Sifakis meinte wohl nicht nur den Fußball, als er sagte: „Wir mögen diese Situation, wenn alle auf uns herumhacken – daran wachsen wir.“

Nicht nur wegen dieser politischen Brisanz dürfte die deutsche Nationalmannschaft am Freitag in Danzig (20.45 Uhr) ein heißer Tanz erwarten. Im letzten Gruppenspiel gegen Russland erinnerten die Griechen an ihre Vorgänger von 2004, die unter Otto Rehhagel überraschend Europameister wurden, dank bedingungsloser Defensivarbeit. Joachim Löw und sein Team sollten gewarnt sein.

Verzichten müssen die Griechen wahrscheinlich auf ihren Kapitän Georgios Karagounis, der im letzten Gruppenspiel zum tragischen Held avancierte. Der 35-Jährige, der gegen Russland sein 250. Länderspiel absolvierte und damit zum Rekordnationalspieler wurde, erzielte zwar den 1:0-Siegtreffer, ist nach seiner zweiten Gelben Karte aber für das Viertelfinale gesperrt. Weil die Entscheidung des schwedischen Schiedsrichters Johan Eriksson als überaus umstritten galt, erwägt der griechische Fußball-Verband nun ein Gnadengesuch bei der Uefa. Man werde sich das Video ansehen und dann entscheiden, ob man eine Anfrage an die Uefa richte, die Gelbe Karte von Karagounis zu annullieren, sagte Team-Manager Panagiotis Fyssas. Karagounis selbst hofft auf eine positive Entscheidung: „Vielleicht schaut sich die Uefa die Szene noch mal an. Eine Sperre wäre einfach nur schade und nicht fair.“ Schon beim EM-Triumph 2004 hatte Karagounis das Endspiel verpasst, weil er drei Minuten vor Ende des Halbfinals eine zweite Gelbe Karte gesehen hatte.

Am unbändigen Einsatzwillen der Griechen dürfte ein mögliches Fehlen von Karagounis indes nichts ändern. Angesichts solcher Schlagzeilen wie „Frau Merkel sei bereit – Du bist als Nächste dran“, sollte daran kein Zweifel bestehen. Jörn Lange

1 Kommentar

Neuester Kommentar