Sport : Einer hat gewonnen

Das dürftige 1:0 der deutschen Elf über China war für Christoph Metzelder das Ende einer langen Leidenszeit – jetzt baut der Bundestrainer auf ihn

Michael Rosentritt[Hamburg]

Die Geste saß. Nachdem der portugiesische Schiedsrichter das Spiel gegen China abgepfiffen hatte, ging Christoph Metzelder auf Oliver Kahn zu. Er klatschte den 36 Jahre alten Torwart des FC Bayern ab, der in seinem 83. Länderspiel der deutschen Mannschaft den Sieg gerettet hatte. Und Kahn flüsterte dem jungen Rückkehrer aus Dortmund kurz etwas ins Ohr. Der Alte im Tor wusste, dass das Spiel für den 24-Jährigen mehr war als ein 1:0. „Für mich hat sich heute ein Kreis geschlossen“, erzählte Metzelder später. Eines Tages wieder in der Nationalelf zu spielen „war meine große Motivation in den Stunden, in denen es mir – auf Deutsch gesagt – beschissen ging. Ich bin froh, dass ich wieder dabei bin.“

Es war kein gutes Spiel, das die deutsche Elf gegen die Nummer 60 der Welt bot. Aber sie hat gewonnen. Und sie hat in Christoph Metzelder einen Spieler zurückgewonnen, der zum Anker in der Abwehr werden kann. „Er ist ein Spieler, der von Natur aus ein Leader ist“, sagte Bundestrainer Jürgen Klinsmann. „Seine Leistung, seine Körpersprache und seine Präsenz sind sehr erfreulich für uns.“

32 Monate hatte der hoch aufgeschossene Innenverteidiger aus Dortmund nicht mehr in der Nationalmannschaft gespielt. Hinter ihm liegen 21 Monate ohne Fußball und zwei Achillessehnenoperationen, die sogar den Fortgang seiner Karriere in Frage stellten. Als vor dem Länderspiel die ersten Töne der Nationalhymne erklangen, „sind die letzten zweieinhalb Jahre im Zeitraffer an mir vorbeigegangen. Ich habe dann versucht, das Spiel zu genießen“, sagte Metzelder.

Der Dortmunder nahm in der oft kritisierten deutschen Abwehr die Position ein, die er schon bei der WM 2002 erfolgreich gespielt hatte. In Asien war er die Entdeckung des Turniers. Auch dort hatte die Mannschaft nicht gerade atemberaubenden Fußball gespielt, aber in der K.-o.-Runde dreimal mit jeweils 1:0 gewonnen und so das Endspiel erreicht. Diesen Erfolg haben damals viele dem Duo Kahn/Metzelder zugeschrieben.

Die Zeit seitdem fehlt Metzelder. „Ich muss ihm ein Kompliment machen“, sagte Oliver Kahn. Dazu muss man wissen, dass der erfahrenste deutsche Nationalspieler selten Komplimente macht, erst recht, seit Klinsmann als Bundestrainer versucht, der Mannschaft eine offensive Spielweise einzutrichtern. Für den Torwart hingegen ist eine sicher stehende Defensive, die ein „zu null“ hält, der alleinige Schlüssel zum Erfolg. Demnach ist Metzelder für Kahn auch ein Schlüsselspieler. Er habe sehr ruhig gespielt, und er habe Stabilität in die zuletzt stark verunsicherte Abwehr gebracht, meinte Kahn: „Man hat ihm seine Erfahrung angemerkt. Er ist einfach ein Spieler, der seine Mitspieler führen kann. Das ist sehr wichtig für diese Mannschaft.“

Tatsächlich hatte Metzelder keinerlei Anlaufschwierigkeiten. „Ich habe versucht, über die eigenen Zweikämpfe ins Spiel zu kommen und die Nebenleute zu dirigieren.“ Es war unübersehbar und unüberhörbar, welche Erleichterung die gelungene Wiederkehr des Vize-Weltmeisters innerhalb der deutschen Delegation ausgelöst hat. „Wir glauben, dass es der richtige Zeitpunkt war, den Christoph zurückzuholen“, sagte Klinsmann. „Er hat alles richtig gemacht. Wir bauen auf ihn für die Weltmeisterschaft.“ Deshalb sei wichtig gewesen, dass eine Halbzeit lang Per Mertesacker und die andere Robert Huth neben ihm gespielt haben. „Beide sollen sich an Christoph gewöhnen.“

Am Ende des Abends gab Metzelder sich auch verbal im Stile eines Anführers. Den Vorwurf, dass den Deutschen nicht viel eingefallen war gegen das chinesische Bollwerk, konterte der Dortmunder gelassen. Als Mannschaft müsse man die Qualität besitzen, „nicht die Nerven zu verlieren, den Ball lieber noch einmal quer zu spielen, sich aber nicht in die Falle locken zu lassen – ein Geduldsspiel“. Oliver Kahn hätte es nicht besser sagen können.

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