Sport : Einer von der Straße

Bastian Schweinsteiger hat sich beim FC Bayern etabliert – und für die Nationalelf empfohlen

Daniel Pontzen

München. Es lag eine Wärme in dieser Umarmung, wie man sie sonst nur aus Fernsehshows kennt, in denen Mutter und Tochter nach 30 Jahren Trennung zueinander finden. Bastian Schweinsteiger versank in den Armen Oliver Kahns, der Torwart presste sein Kinn auf die Schulter des Kollegen, formte ein in dieser Herzlichkeit bislang ungekanntes Lächeln, und immer länger wurde der Moment, in dem es schien, als wolle Kahn nicht mehr loslassen, nie mehr.

Neben dem Sinnbild vollendeter Harmonie zeigte diese Szene die interessantesten Bayern-Spieler der Woche: Kahn, der nach tadelloser Leistung einen Schritt weiter gekommen ist auf seinem Weg zur inneren Ruhe – und Schweinsteiger. Der 19-Jährige zählte erneut zu den stärksten Münchnern, erzielte das Tor zum 2:0-Endstand und könnte am Ende sehr turbulenter Wochen als einziger Gewinner bei den Bayern übrig bleiben. Im Schatten der Prominenz hat er sich als ernst zu nehmende Option im Mittelfeld etabliert, was sich etwa daran zeigt, dass er am Sonnabend nach Hargreaves’ kurzfristigem Ausfall den Vorzug gegenüber Jens Jeremies erhielt. Für manche gilt er bereits als aussichtsreicher Kandidat für die Nationalelf. Schweinsteiger sagt: „Im Grunde genommen ist es ganz okay, die Situation.“

Wenn man jetzt von einem Durchbruch des Rosenheimers spricht, dann ist es ein Durchbruch mit Verzögerung. Sein Debüt hatte „Schweini“, wie ihn Fans und Mitspieler rufen, schon Ende 2002. Damals wurde er im letzten Spiel der bereits vergeigten Champions League eingewechselt. Frech bereitete er ein Tor vor und sollte fortan als einer der Kronzeugen für den Umbruch beim FC Bayern stehen. In der Liga allerdings konnte er sich nicht auf Anhieb durchsetzen, doch nun, ein Jahr später, hat er den Sprung ins erweiterte Stammpersonal geschafft.

Schweinsteigers unkonventioneller Stil hat ihm namhafte Bewunderer eingebracht. Anfangs stand er im Ruf, Protegé Franz Beckenbauers zu sein, der ihn in seinen Kolumnen ob seines winkeligen, fintenreichen Spiels als letzten Straßenfußballer adelte. Inzwischen benötigt Schweinsteiger keine Fürsprecher mehr. Bei seinem Debüt in der U21 vor zwei Wochen gegen die Schweiz erzielte er das 1:0-Siegtor und wurde mit positiven Kritiken überhäuft. Dass dies nur eine Übergangsstation sein dürfte, erklärt Kollege Michael Ballack: „Jemand, der sich bei Bayern durchsetzt oder auf dem Sprung in die Stammelf ist, der ist immer auch Kandidat für die Nationalmannschaft.“ Vielleicht käme die Europameisterschaft für ihn „ein bisschen früh“, sagt Ballack, „aber man weiß nie, manchmal geht’s schnell“.

Falls es nicht mehr reicht, hätte Schweinsteiger seine eigene EM, die der U21, ab Ende Mai im eigenen Land. Unter die ersten drei wolle er da kommen, anderseits, „wenn ich zu einer EM fahre, will ich nicht Dritter werden und nicht Zweiter, sondern Europameister", hat Schweinsteiger gesagt. Es klingt nicht arrogant, wenn er so etwas sagt, eher so, als wolle er sagen: Sonst könnte ich die Zeit auch besser nutzen.

Vielleicht ist es diese selbstbewusste Nonchalance, die Franz Beckenbauer an ihm schätzt. Schweinsteiger taugt nicht als Repräsentant der Fußballergeneration, die allenfalls durch hohe Gehaltsforderungen oder gewagte Trendfrisuren auffällt. Dabei kann man ihm nicht vorwerfen, auf Konventionen allzu viel Rücksicht zu nehmen. Einmal wurde er wegen Fahrens ohne Führerschein angezeigt, einmal blieb er zwei Tage vor einem Spiel bis 3.30 Uhr in der Disko, und im Sommer gönnte er sich den Luxus, einem Mädchen nachts die Entmüdungsbecken am Trainingsgelände der Bayern vorzuführen. Die beiden wurden erwischt. Schweinsteigers Version zufolge begleitete ihn damals die Cousine. Franz Beckenbauer hätte vermutlich auch im anderen Falle gerne ein Auge zugedrückt.

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