Sport : Einfach nur ein Job

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Von Frank Bachner

Yordan Letschkow hat das Tor nicht gesehen. Er hat überhaupt kein Tor bei dieser WM gesehen. Yordan Letschkow sitzt in Sofia und schaut keine WM. „Ich habe mit dem Fußball abgeschlossen“, sagt er. Schade eigentlich. Es hätte ihm gut gefallen das Kopfball-Tor von Ahn Jung-hwan, mit dem der Südkoreaner Italien aus dem Achtelfinale geworfen hat. Ausgerechnet Jung-hwan, der für AC Perugia spielt, einen italienischen Klub. Letschkow hätte sich an sein eigenes Tor erinnert, damals 1994, bei der WM, als er mit dem Kopf das 2:1 für Bulgarien erzielte. Damit hatte er Deutschland rausgeworfen. Ausgerechnet Deutschland. Letschkow spielte damals für den Hamburger SV.

Wie fühlt sich einer, der so ein Tor erzielt bei einer WM, ausgerechnet gegen das Land, in dem er das ganze Jahr arbeitet? Normal fühlt er sich. „Für mich war es nichts Besonders“, sagt Letschkow. „Es war schön, aber nicht wegen Deutschland. Wir hatten gewonnen, deshalb.“ Er schaute kurz in die deutsche Kabine, nur eine Minute lang. Keiner sprach ihn an. Totenstille. Und Letschkow hatte Mitleid, ein bisschen. Nur ein bisschen. Er ist Profi.

Deshalb wunderte er sich auch zu Hause, in Hamburg, nicht über die Ruhe. Er hatte einfach keinen erwartet, der ihm Verräter zurief. Benno Möhlmann, sein Trainer, sagte nur: „Das war eher ein untypisches Tor.“ Letschkow hatte ja mit dem Kopf getroffen. Natürlich hatte er gelesen, dass „Bild“ nach dem 2:1 für Bulgarien Bundestrainer Berti Vogts ein Kündigungsschreiben vorgelegt hat, unterschriftsreif. Er war ja quasi dafür verantwortlich. Aber er hat das alles nicht verstanden.

Er versteht ja auch einen wie Serse Cosmi, den Trainer von Perugia, nicht. Cosmi sagte nach dem 1:2 gegen Südkorea: „Ich will Ahn in Perugia nicht sehen, man muss ein Zeichen für Italiens Fußball setzen.“ Was für ein Zeichen, fragt Letschkow? Dass einer nicht mehr für sein Land treffen darf? Dass einer seinen Job nicht optimal ausüben darf? „Solche Sprüche sind unprofessionell.“

Letschkow hat 70 Länderspiele gemacht, er ist 34 und in Bulgarien ein Idol, immer noch. Er war es schon damals, vor der WM 1994. Aber er war auch ein Exzentriker. Er hatte Krach beim HSV, später dann mit Besiktas Istanbul. Er taugt nicht zum echten Idol. Vielleicht ist das der Grund, warum er mit dem Fußball abgeschlossen hat, seit 1998, seit seinem Rücktritt. Er spielt noch in Altherren-Teams und Tennis, und er lebt von einem Fitnessstudio und seinem Hotel in Sliven.

Vom Tor, vom 2:1, lebt er nicht mehr, er hat ja nie richtig davon gelebt. In Deutschland ist das Tor in der Erinnerung fast verklärt. Es ist dieses eine Letschkow-Tor. Und Letschkow? Letschkow sagte irgendwann mal: „Ich kann die Geschichte von diesem Tor nicht mehr hören.“

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