Sport : Einfach yeah!

Michelle Kwan wird zum fünften Mal Eiskunstlauf-Weltmeisterin – und freut sich, als wäre es ihr erster Titel

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Washington (Tsp). Erster Versuch, es kam nichts. Zweiter Versuch, wieder nichts. Ein paar Sekunden lang sah man nur, wie Michelle Kwan den Mund auf und zumachte, aber nichts herausbrachte. Dann endlich stammelte sie: „Es war einfach, einfach, einfach yeah.“ Das reichte zur Erklärung, die insgesamt 16 000 Zuschauer im Washingtoner Eisstadion hatten verstanden. Sie waren ja schließlich der Grund für die rührende Szene. Ihre Begeisterung, ihre Anfeuerungsrufe, ihr Klatschen, das alles sorgte dafür, dass Michelle Kwan die Worte fehlten, obwohl sie gerade zum fünften Mal Weltmeisterin im Eiskunstlauf geworden war. Die Fernsehkameras hatten auf Kwans Gesicht gezoomt, und so konnten alle sehen, wie ergriffen die 22-jährige US-Amerikanerin war. Selbst Stunden nach ihrem Triumph hatte sie nicht begriffen, dass sie jetzt zu den besten Eiskunstläuferinnen aller Zeiten gehört. Katarina Witt? Die Eislauf-Königin zu DDR-Zeiten? Schlechter platziert. Katarina Witt hat nur vier WM-Titel. Kwan, die Tochter von chinesischen Einwanderern, ist jetzt auf einer Ebene mit Carol Heiss (USA) und Herma Szabo (Österreich), die vor Jahrzehnten jeweils ebenfalls fünf Goldmedaillen gewannen. Unerreicht ist nur Sonja Henie, die Norwegerin, die zwischen 1927 und 1936 gleich zehnmal in Folge den Titel gewann.

„Kwan-derful“ hatten Fans der 22-Jährigen auf ein Transparent gepinselt, und es war nur ein Beispiel für die Zuneigung der Kwan-Anhänger. Die bediente dafür die Seelen ihrer Anhänger. „Dank der Unterstützung durch meine Familie habe ich eine große Karriere gemacht, das werde ich ihr nie vergessen“, verkündete sie. Ihre Eltern, ihr Bruder und ihre Schwester hatten allerdings einen eher entspannten Abend. Zu überlegen war ihr berühmtes Familienmitglied. Michelle Kwan bot zu „Aranjuez“ ein fehlerfreies und temporeiches Programm, und ihren Titel hatte sie quasi schon vor dem Auftritt ihrer Konkurrentin Elena Sokolowa aus Russland sicher. Acht der neun Preisrichter setzten die US-Amerikanerin auf den ersten Platz, zwei tippten sogar die Traumnote 6,0 in ihren Computer.

„Es war gar nicht so leicht, sich vom Jubel nicht mitreißen zu lassen und immer nur von einer Schwierigkeit zu nächsten zu denken“, sagte Kwan später. Während die neue Weltmeisterin sich auch konditionell so stark wie noch nie präsentierte, fehlten Sokolowa am Ende Kraft und Tempo. Die Bronzemedaille gewann Fumie Suguri aus Japan.

Noch hat die Dollar-Millionärin Kwan einen Titel nicht gewonnen: den Olympiasieg. Deshalb ist es gut möglich, dass sie nicht zu den Profis abwandert, sondern bis zu den Olympischen Spielen 2006 in Turin weitermacht. 1994 in Lillehammer war die damals 13-Jährige potenzieller Ersatz für Tonya Harding, 1998 in Nagano gewann sie Silber hinter ihrer Teamkollegin Tara Lipinski, 2002 in Salt Lake City Bronze hinter Sensationssiegerin Sarah Hughes (USA) und Irina Slutskaja aus Russland.

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