Sport : Einfach zu genial

Hertha hat Probleme mit defensiv eingestellten Mannschaften – auch heute beim 1. FC Köln?

Ingo Schmidt-Tychsen

Berlin - Der Ball klebt an seinem Fuß, er pflückt ihn förmlich aus der Luft und legt ihn vor sich auf den Boden. Dann zuckt Marcelinho kurz mit der Hüfte, er könnte einen simplen Pass zu Ellery Cairo spielen, doch er wartet noch. Der Brasilianer befindet sich in der Mitte des Spielfeldes zwischen Strafraum und Mittellinie. Plötzlich sprintet er los, sein Kopf ist dabei nach unten geneigt, er guckt auf den Ball. Am ersten Duisburger kommt der 30-Jährige vorbei, dann will er einen Pass in die Spitze spielen. Doch der Ball bleibt in der Abwehr hängen.

So geschehen am Mittwoch im Spiel gegen den MSV Duisburg, am Ende der ersten Halbzeit und schon sehr häufig in Spielen gegen Mannschaften, die defensiv spielen gegen Hertha. Heute, im Fußball-Bundesligaspiel beim 1. FC Köln, wird es Hertha wieder mit einem Gegner zu tun haben, der sich weit in die eigene Hälfte zurückzieht. Die Berliner werden versuchen müssen, das Spiel selbst zu machen und Druck zu entwickeln. Und genau das fällt ihnen häufig schwer. Dabei verfügt Hertha mit Marcelinho und Yildiray Bastürk über zwei technisch ausgereifte Spielmacher, von denen die meisten anderen Mannschaften in der Bundesliga nicht mal einen haben.

„Gerade weil wir ein so spielstarkes Mittelfeld haben, haben wir da manchmal Schwierigkeiten“, sagt Herthas Manager Dieter Hoeneß. Es klingt zunächst paradox, erst bei genauerer Betrachtung wird Herthas Problem deutlich. Marcelinho und Bastürk reißen das Spiel an sich, fast jeder Angriff der Berliner läuft über einen der beiden. Doch anstatt das Spiel schnell zu machen und die Bälle zügig nach außen zu verteilen, suchen die beiden oftmals Eins-gegen-eins-Situationen. Gegen Mannschaften, die dicht gestaffelt vor dem eigenen Strafraum stehen, geht der Ball in diesen Zweikämpfen häufig verloren. „Die engen Räume sind ein Reiz für unsere dribbelstarken Mittelfeldleute Neuendorf, Marcelinho und Bastürk“, sagt Hoeneß. „Anstatt das Spiel breit zu machen, pflegen sie das Spiel durch die Mitte zu sehr. Manchmal vernachlässigen sie dadurch den einfachen Pass, der besser wäre.“

Doch es muss sich auch jemand anbieten, um diesen einfachen Pass anzunehmen. Das Problem ist nicht ausschließlich auf das zentrale Mittelfeld zurückzuführen. Die Spieler auf den Außenpositionen haben die Bälle bislang nicht genug gefordert, sie haben sich auf die Stars in der Mitte verlassen. Selbst der brasilianische Nationalspieler Gilberto, der nach seiner Gelb-Roten Karte aus dem Spiel gegen Schalke wieder ins Team zurückkehren wird, spielt meist zu defensiv.

„In der Zentrale haben wir unsere besten Spieler. Durch deren Einzelaktionen gewinnen wir am häufigsten Spiele“, sagt Malik Fathi. Der Außenverteidiger will in Zukunft selbst versuchen, mehr für die Offensive zu tun. „Daran muss ich auf jeden Fall arbeiten“, sagt er. Gegen den MSV Duisburg gelang das Fathi streckenweise schon ganz gut. Doch auch im Spiel gegen den Aufsteiger wurde Herthas Unvermögen, einen schwachen Gegner wirklich auseinander zu nehmen, deutlich. Hertha begann das Spiel mit viel Schwung, führte früh 1:0 – doch dann fiel den Berlinern gegen die zurückgezogenen Duisburger nichts mehr ein.

Erst als der MSV Anfang der zweiten Halbzeit 2:1 in Führung ging, entwickelte Hertha nochmals Druck. Weil Fathi auf links nach vorn marschierte, und auch weil Ellery Cairo auf rechts die Bälle forderte. Der Zugang vom SC Freiburg machte in der Schlussphase ein gutes Spiel, er bereitete auch das 3:2-Siegtor vor. „Ich habe zum ersten Mal schmerzfrei gespielt“, sagt der 27-Jährige. Zu Saisonbeginn hatte Cairo Schwierigkeiten mit der Oberschenkelmuskulatur. Um Herthas Probleme gegen defensive Mannschaften zu lösen, wird er sich aber deutlich steigern müssen.

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