Sport : Eingebürgerte Stärke

Homiyu Tesfaye bringt dem deutschen Verband Hoffnung für die Mittelstrecke – und Diskussionen.

Reinhard Sogl
Neudeutsch und schnell. Tesfaye startet heute im Finale über 1500 Meter. Foto: dpa
Neudeutsch und schnell. Tesfaye startet heute im Finale über 1500 Meter. Foto: dpaFoto: dpa

Moskau – Sein rechtes Bein war blutverschmiert und seine Halskette mit dem goldenen Kreuz klebte auf der schweißnassen Haut, derweil strahlten seine Augen wie der Edelstein in seinem Ohr. „Ich will eine Medaille – wenn man so hart trainiert, darf man sich das doch wünschen, oder?“, sagte Homiyu Tesfaye grinsend.

Die neueste Laufhoffnung des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) leidet nicht an mangelndem Selbstbewusstsein. Als erster Deutscher seit Rüdiger Stenzel, der 1996 in Athen Zehnter geworden war, erreichte der 20-Jährige von der LG Eintracht Frankfurt überraschend das WM-Finale über 1500 Meter an diesem Sonntag. 3:36,51 Minuten und Platz sechs nach einer cleveren Vorstellung in seinem Vorschlussrennen genügten fürs Weiterkommen. „Ich wollte mein Bestes geben. Dass das fürs Finale reicht, ist natürlich super“, sagte Tesfaye. Es war erst sein zweiter Lauf im Trikot des Deutschen Leichtathletik-Verbands.

Anfang Juli erhielt der gebürtige Äthiopier, der am 28. Juni 2010 als Flüchtling nach Deutschland gekommen war, einen deutschen Pass. Normalerweise müssen Asylsuchende acht Jahre warten, bis das Einbürgerungsverfahren abgeschlossen werden kann. Doch bei höherem Interesse reichen auch drei Jahre im Wartestand. Mit Klassezeiten auf den Distanzen von zwei bis 25 Stadionrunden hat der Deutsche Meister über 10 000 Meter seine Tauglichkeit für Einsätze zum Wohle seines neuen Heimatlandes bewiesen. Mit starken 3:34,76 Minuten unterbot er zwei Tage vor Meldeschluss die WM-Norm über 1500 Meter und erhielt in letzter Minute ein Ticket für Moskau.

Carsten Schlangen, der am Freitag im Halbfinale ausschied, sagte: „Er hat das Niveau bei uns deutlich angehoben.“ Doch der 32-Jährige gab auch zu bedenken: „Man sollte die Asyl-Hintergründe genau prüfen. Wenn eine Menge von Afrikanern kommen würde, wäre das für uns deutsche Läufer nicht so toll.“

Dass Tesfaye kam, sah und siegte, hatte in der Läuferszene kontroverse Diskussionen verursacht. In Internet-Foren wurde an seiner Identität gezweifelt. Mit vollem Namen nennt er sich Homiyu Tesfaye Heyi, als Geburtsdatum gibt er den 23. Juni 1993 an. Er soll auf Fotos aber einem jungen Mann ähneln, der drei Jahre und vier Monate älter ist und der bei der Jugend-Weltmeisterschaft 2007 sowie bei der Junioren-WM 2008 für Äthiopien startete. Sein Name: Henok Tesfaye Hey. „Ich bin ich und einen Henok Tesfaye Hey kenne ich nicht“, sagt der Neu-Deutsche, der mit Hilfe von Trainer Wolfgang Heinig eine Taufbescheinigung der Kirchengemeinde aus seiner Heimat in der Nähe von Addis Abeba aufgetrieben hat. Damit sei alles geklärt gewesen, so Heinig, der sich auch um seine schulische Ausbildung und den Deutschunterricht kümmert. Tesfaye habe niemanden betrogen.

Außer Frage steht, dass Tesfaye eine Verstärkung ist. Es klang dennoch vermessen, als Heinig vor sechs Wochen den Namen Bernard Lagat erwähnte. Wie der Kenianer, der 2003 die US-Staatsbürgerschaft erhielt und später Doppelweltmeister über 1500 Meter und 5000 Meter wurde, könne Tesfaye auf diesen Distanzen seine Stärken am besten zur Geltung bringen, sagte Heinig. „In zwei, drei Jahren sollten wir uns festlegen, rechtzeitig vor Olympia in Rio.“ Reinhard Sogl

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