Sport : Einladen und ausladen

Klinsmann hat viel gute Laune verbreitet, die echte Prüfung steht ihm noch bevor

Stefan Hermanns[Frankfurt am Main]

Am Montag hat sich Jürgen Klinsmann mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft wieder in höhere Sphären begeben. Hoch über Frankfurt, im 21. Stock des Mannschaftshotels, hat der Bundestrainer mit seinen Spielern eine Art philosophisches Seminar abgehalten. Die Powerpoint-Präsentation mit Videosequenzen war weit mehr als nur eine frühe Leistungsschau der Ära Klinsman: „Es ging auch um Lebensphilosophie.“ Klinsmann spricht im Zusammenhang mit seiner Arbeit gern von Philosophie. Wahrscheinlich weil er sein Handeln von einer übergeordneten Idee geleitet sieht: von der Idee, 2006 Weltmeister zu werden.

Dieses Ziel hat Klinsmann an seinem ersten Arbeitstag im Juli 2004 formuliert, sehr zur Verblüffung des vereinigten Fußballlands. Seitdem aber ist es ihm gelungen, seinen Optimismus unters Volk zu bringen. Klinsmann hat rund um die Nationalelf wieder viel gute Laune verbreitet, eine Aufbruchstimmung. Die Rückkehr in die Niederungen des Alltagsgeschäfts steht ihm erst noch bevor.

Anfang dieser Woche hat Klinsmann in Frankfurt 36 Kandidaten für einen Platz im WM-Kader versammelt. Vor einem Jahr hätte niemand gedacht, dass der kriselnde deutsche Fußball ein derartiges Reservoir an nationalmannschaftskompatiblen Kräften besitzt. Das Problem ist, dass sich alle 36 Spieler Hoffnungen machen, bei der Weltmeisterschaft dabei zu sein, aber dass Klinsmann nur 23 nominieren darf. „Wir werden die undankbare Aufgabe haben, diese Spieler zu bestimmen“, sagt er.

Immerhin bemüht sich der Bundestrainer um größtmögliche Transparenz. Am Montag hat er der Mannschaft seine Auswahlkriterien, bis hin zur Lebensweise und Persönlichkeitsentwicklung, vorgestellt. Außerdem wissen die Spieler seit Monaten, dass sie in der WM-Saison in ihren Klubs Stammspieler sein müssen. Und dennoch wird es Härtefälle geben, die unter Umständen jene Spieler treffen, die bisher für den Aufbruch standen. Klinsmann hat gerade den jungen Spielern immer wieder die Möglichkeit gegeben, Spielpraxis zu sammeln. Vielleicht hat sie das bereits dazu verleitet, sich als Stammspieler zu wähnen.

Klinsmann zählt 33 bis 35 Profis zur deutschen Elite, aus der er die WM-Teilnehmer bestimmen wird. In Wirklichkeit hat er diesen Kreis längst darüber hinaus ausgedehnt. Oliver Neuville wird am Samstag gegen Slowenien im neunten Länderspiel unter Klinsmann der 30. Spieler sein, der zum Einsatz kommt. Christian Pander, Moritz Volz und Simon Jentzsch wurden bereits nominiert, haben aber noch nicht gespielt. Außerdem sind da noch die so genannten Etablierten (Kehl, Metzelder, Nowotny, Babbel und Hamann) die laut Klinsmann nicht abgeschrieben sind. „Und vielleicht gibt es in den nächsten Monaten auch noch einen Shootingstar.“

Vor der EM im vorigen Sommer war es eigentlich nur Neuville, der sich bei der Nominierung übergangen fühlte. Im kommenden Jahr könnte die Zahl der Enttäuschten auf 20 steigen. Druck und Konkurrenzkampf sollen die Spieler nach vorne treiben, sagt der Bundestrainer. „Aber jemanden darauf vorzubereiten, dass er nicht dabei ist, wäre der falsche Ansatz“, sagt Klinsmann. „Die Spieler müssen die innere Überzeugung haben: Ich bin dabei.“

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