Sport : Einmal Ankara und zurück

NAME

Von Martin Hägele

Osaka. Es war der schönste Augenblick im Leben des 26-jährigen Ilhan Mansiz, und wenn nicht direkt hinter der Tür zur Mixed Zone ein paar deutsche Reporter gestanden hätten, dann hätte er diese Gefühle höchstens am Handy mit ein paar Freunden teilen können. So aber erfahren nun Millionen Leser in Deutschland, was dies für ein Mensch ist, der mit seinem goldenen Tor die Türkei ins WM-Halbfinale geschossen und den Bosporus in ein Fußball-Inferno verwandelt hat. Denn die Geschichte Ilhans handelt auch davon, wie schwer es ein junger Mann hat, der in Deutschland geboren und aufgewachsen ist und eigentlich nie in die Heimat seiner Familie zurück wollte. Auch wenn er schon vier Jahre in der ersten türkischen Liga gespielt hat und in der vergangenen Saison Torschützenkönig geworden ist. Und dort den Status eines Popstars genießt; unzählige Mädchen träumen von ihm.

So beschreibt ihn die offizielle Fifa-Website im Kurzporträt - doch schon im nächsten Satz wird das vermeintliche Idol auf die Realität der türkischen Nationalmannschaft reduziert: Der schnelle Stürmer werde während der WM wahrscheinlich nicht im Rampenlicht stehen. Er werde höchstens als Ersatzmann zum Zug kommen, denn Hakan Sükür sei als Mittelstürmer erste Wahl, „undisputed“, also diskussionslos. Über Hakan, den Kapitän, „den Bullen vom Bosporus“, wie der berühmteste Mittelstürmer der Türkei schon seit Jahren genannt wird, darf nicht geredet werden. Er steht unter Denkmalschutz. Auch Ilhan hat Hakan nur ganz kurz erwähnt. Er habe es hier besonders schwer, da sein direkter Konkurrent Hakan Sükür sei. Und er müsse den Trainer verstehen. „Obwohl, vielleicht könnten wir auch zusammen spielen."

Weil sich die türkischen Zeitungen nämlich auf die Seite des jüngeren und agileren Ilhan geschlagen haben und schon länger dessen Einsatz von Trainer Senol Günes fordern, ist die Sache eskaliert zum Presseboykott. Bei ihren Recherchen nach Privilegien ihres hochsensiblen Superstars Hakan Sükür hatten die Blätter „Hürriyet“ und „Milliyet“ erstaunliche Hintergründe aufgedeckt: Statt des Trainers stelle Hakan Sükür die Nationalelf auf. Dabei wähle er vor allem Profis von Galatasaray Istanbul oder Spieler, die mit ihm zusammen vor zwei Jahren den Uefa-Cup für Galatasaray gewonnen hatten. Gegen Japan zum Beispiel hätten acht von Hakan Sükürs Freunden auf dem Platz gestanden.

Dass der Kader nun in zwei Lager gespalten sei, hänge nicht nur mit den alten Klubverbindungen zusammen. Auch religiöse Gründe spielten eine Rolle: die Fraktion der ordentlichen Moslems, die wie ihr Anführer Sükür die Weisungen des Islam auch bei der WM befolgten. Dagegen stünden jene Profis, die im Ausland aufgewachsen seien und sich wie Ungläubige aufführten. In dem Artikel, geschrieben von einem absolut glaubwürdigen Journalisten, werden aus jener Gruppe zwei Spieler zitiert, die berichten, von Hakan Sükür und dessen Glaubensbrüdern würde religiöser Druck auf sie ausgeübt.

Angesichts solch interner Probleme war es fast schon ein Wunder, wie konzentriert und sachlich die Spieler mit dem roten Halbmond auf dem weißen Trikot ihren Plan gegen Senegal durchgezogen haben. Mit einer Ausnahme freilich. Hakan Sükür verstolperte drei große Torchancen und sah in seiner Verzweiflung dem Deutschen Carsten Jancker immer ähnlicher, der solche Momente ja zur Genüge kennt. Als der Spielführer in der 67. Minute seinen Platz mit Ilhan tauschte, schien er fast erlöst durch die Auswechslung. Ilhan aber lupfte schon beim ersten Ballkontakt den Ball gefährlich aufs Tornetz der Afrikaner, und als sich sein Weg kurz darauf mit dem des Leverkuseners Bastürk kreuzte, raunte er diesem zu: „Junge, ich mach heute einen rein.“

Es ist anzunehmen, dass er seine Prognose auf deutsch abgegeben hat. Wegen der jetzt wohl erst recht angespannten Medien-Lage hat Ilhan dann auch in seiner Muttersprache geschildert, was das „für ein Gefühl der Befreiung war, als er die Flanke von Umit Davala (der wie Bastürk und der Ex-Stuttgarter Tayfur bei Waldhof Mannheim groß geworden ist) ins Tor bugsiert hatte: „Ich wollte aber auch, dass der reingeht, denn wenn man immer nur ein paar Minuten spielen darf, baut sich der Druck für einen Torjäger jedes Mal noch ein bisschen mehr auf."

Und dann konnte er endlich aus seinem Leben erzählen. Bis 17 hat er in Kempten im Allgäu gelebt und gespielt, über die A-Jugend vom FC Augsburg ging es zu den Amateuren des 1. FC Köln. Mit 19 musste er in die Türkei, wohl auch weil sich die Familie vom Profisalär des Sohnes in Ankara einiges versprach. „Dort bin ich nach sechs Monaten abgehauen, habe dann sechs Monate ganz aufgehört und danach in München bei Türk Gücü gespielt. Landesliga.“ Und immer wieder streut er in seinen Lebenslauf ein, er habe es schwer gehabt, weil er mehr der deutschen als der türkischen Mentalität verbunden sei. „Das ist ein kleines kulturelles Problem. Die Wertvorstellungen in der Türkei sind halt anders.“

Im zweiten Anlauf hat Ilhan es dann geschafft. „Man darf vor Problemen nicht immer weglaufen“, sagte er, dann zog ihn ein Mitarbeiter des türkischen Verbandes weg. Nach der unglücklichen Niederlage im Gruppenspiel gegen Brasilien rechnen sich Ilhan und Co. bei der Neuauflage mehr aus: „Wenn die Brasilianer wieder so schlecht spielen wie gegen Belgien, nutzen wir das aus.“ Sofern er dann mitmachen darf. Zumindest besitzt Ilhan jetzt bessere Karten. Vielleicht sogar bessere als Hakan Sükür.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben