Einmal ein ganz Großer sein : Wie Spitzensportler um Anerkennung kämpfen

Olympiagold: Das wär’s! Spitzensportler wie Patrick Hausding holten schon viele Titel. Neben dem Training kämpfen sie dennoch um Aufmerksamkeit. Vier Jahre lang, Tag für Tag.

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Den Alltag aufhübschen. Turmspringer Patrick Hausding wirbt permanent mit seinen Erfolgen, muss sich aber manchmal selbst an sie erinnern.
Den Alltag aufhübschen. Turmspringer Patrick Hausding wirbt permanent mit seinen Erfolgen, muss sich aber manchmal selbst an sie...Foto: picture alliance / dpa

Patrick Hausding klettert wieder auf seinen Turm. Zehn Meter unter ihm leuchtet das türkisblaue Wasser, er spannt die Muskeln an, reckt die Arme in die Luft und hebt ab.

Kribbelt es noch? Zwei Jahre ist Olympia jetzt her.

Die fünf Ringe trägt der junge Mann noch immer bei sich. Ganz in Silber blinken sie einen an, selbst in der fahlen Sonne des Spätsommers. Für den großen Triumph stehen sie – Hausding hat in Peking olympisches Silber gewonnen. Sie stehen aber auch für die Hoffnung, noch mehr zu schaffen: einen Olympiasieg, ein kleines Stück Ruhm, wenigstens ein wenig mehr Anerkennung. Denn Sommersportler werden nur berühmt für einen Moment. Vielleicht muss sich Patrick Hausding deshalb selbst an seinen Erfolg erinnern. Mit den fünf olympischen Ringen, die er dort trägt, wo andere Menschen ihren Ehering ausführen.

Patrick Hausding gehört zu jenen Athleten, die man gemeinhin unter der Rubrik Randsportler abtut. Er stürzt sich aus Höhen von bis zu zehn Metern kunstvoll ins Wasser. Mal allein, mal möglichst synchron mit einem Partner. Der Wasserspringer hat es in dieser Disziplin schon zu einigen Medaillen gebracht. Erst im August dieses Jahres bei den Europameisterschaften gelang dem 21 Jahre alten Berliner etwas, das er selbst als „krass“ und „unmenschlich“ bezeichnet: Er war der erste Wasserspringer, der in allen fünf Wettbewerben Medaillen gewinnen konnte. Ein paar Tage hielt er sich damit im Gespräch.

Sportler wie Hausding denken im Vierjahresrhythmus. Im Rhythmus der Olympischen Spiele. „Der Olympiasieg ist das Nonplusultra“, erzählt Hausding und schaut mit seinen blau-grünen Augen verstohlen auf seinen Ringfinger. „Dafür gibt man alles. Weil man als Leistungssportler immer der Beste sein will.“ Und weil man nur als Olympiasieger etwas mehr Anerkennung bekommt, die man dann in Sponsorengeld umrubeln kann.

Was bleibt also in den Jahren zwischen den Ereignissen, bei denen es um alles geht? Training – natürlich, Zukunftsplanung – natürlich, Werbung in eigener Sache – vor allen Dingen.

Max Hoff ist ein schlanker, von Muskeln durchdefinierter Mann mit einem mächtigen Kreuz. Wie Hausding ist der Kanute eine Größe seines Sports. Großartig reich sind beide dennoch nicht. „Wir haben Probleme, in die Öffentlichkeit zu kommen“, erzählt Hoff. „Es ist etwas anderes als im Wintersport. Der wird viel im Fernsehen gezeigt und ist eine ganz andere Liga.“ Eine Liga, in der Welt- und Europameister mit lukrativen Werbe- und Sponsorenverträgen rechnen dürften. Und Max Hoff?

Der hat in seinem Heimatort Köln bisher noch keinen Sponsor gefunden, obwohl er sich in zahlreichen E-Mails persönlich an Firmen gewandt hat. Hoff muss sich selbst bekannt machen, eine andere Chance hat er nicht. Er nimmt an allen möglichen Veranstaltungen teil, bereitet Präsentationen vor, sucht den Weg über die Sportverbände. „Ein bisschen Klinkenputzen ist das schon“, erzählt der 28-Jährige. Aufreibende und nervige Arbeit, nur um am Ende festzustellen: „Scheiße, ist das schwierig!“

Auch Patrick Hausding berichtet zwar von „kleinen Sponsorenanfragen“ nach seinen Erfolgen bei den Europameisterschaften, Genaueres kann er dann allerdings nicht sagen. Durch ein paar regionale Sportsendungen tingelte er, gab einige Radio- und Zeitungsinterviews. Nicht mal einen Monat nach den goldenen Triumphen ist Hausding schon wieder im grauen Alltag angekommen, den er sich allerdings aufzuhübschen weiß.

Ende September sind Hausding und Hoff bei der Veranstaltung „Champion des Jahres“ dabei – auch so eine Gelegenheit, bei der man „sich noch mal ins rechte Licht rücken kann“, wie Patrick Hausding es ausdrückt. Deshalb hat der Wasserspringer auch seinen kompletten Trainingsplan umgeworfen, damit er diese eine Woche zusammen mit anderen Sportlern im Fitnessurlaub verbringen kann. „Mein Trainer fand das gar nicht gut“, sagt Hausding. „Aber mir wäre es äußerst schwer gefallen, für dieses Event abzusagen.“

An der Algarve in Portugal trägt er im Robinson Club seinen drahtigen Körper für Fernsehteams via Salto in den Swimmingpool. Ein Mal, zwei Mal, drei Mal, vier Mal. Immer in derselben Pose. Da kann man verrückt werden, oder? Patrick Hausding schüttelt den Kopf. Für ihn ist das Werbeprogramm in eigener Sache „in erster Linie Spaß“. Vor allem aber ist es eine nette Abwechslung vom Training, das im Moment den Großteil seiner Zeit auffrisst. „Man kommt bei dem Sport gar nicht dazu, noch einen Job nebenbei zu machen“, erzählt der Wasserspringer. „25 bis 30 Stunden in der Woche gehen allein fürs Training drauf.“

Es hätte ihn auch schlimmer treffen können. So wie Max Hoff.

Der Weltklassekanute verlässt sein Zuhause meist um sechs Uhr morgens und kommt nicht selten erst gegen 21 Uhr wieder zurück. Neben seinem Vollzeitjob als Sportler absolviert er einen Vollzeitjob an der Universität: Im zurückliegenden Jahr hat er seinen Abschluss als Diplombiologe gemacht, jetzt promoviert er. Konkret heißt das, dass er morgens trainiert, nachmittags im Forschungslabor über den Mikroskopen sitzt und abends wieder trainiert.

10 000 Euro pro Jahr braucht ein guter Kanute etwa, um in seiner Sportart konkurrenzfähig zu bleiben. Hoff gibt gerne zu, dass seine Eltern früher sein größter Sponsor waren. Heute kommt er durch seinen Job und die Unterstützung der Stiftung Deutsche Sporthilfe ganz gut über die Runden, wie er sagt, auch wenn Sportler „wie eine Steffi Nerius oder Paul Biedermann über die Summen wohl lachen würden“ und er sich immer noch weitestgehend alleine coacht. „Ein bisschen verrückt muss man schon sein, um das alles auf sich zu nehmen“, sagt Max Hoff. Und es hört sich nicht so an, als ob ihn das stören würde. Der Kanute lächelt und sagt: „In einer Randsportart macht man seinen Job eben aus Leidenschaft und nicht, um damit Geld zu verdienen.“

Dass Hoff im Sport nicht etwa eine Ausnahme, sondern eher die Regel darstellt, ist mittlerweile sogar wissenschaftlich bewiesen. Zusammen mit der Sporthochschule Köln hat die Sporthilfe unter den von ihr geförderten Athleten eine Umfrage gestartet. Die Studie hat ergeben, dass den Athleten durchschnittlich 626 Euro netto im Monat zu Verfügung stehen – bei einer 59,7-Stunden-Woche im Durchschnitt. „In der Skala geht es aber auch deutlich nach oben und nach unten“, sagt Michael Ilgner, der Vorstandsvorsitzende der Sporthilfe. „Da sind auch mal 80 oder 90 Stundenwochen dabei.“

Bei diesen Aussichten überlegt man es sich als junger Kanute, Bogenschütze oder Wasserspringer lieber zweimal, ob man wirklich den Schritt in den Leistungssport wagt. „Genau an dem Punkt erleben wir jeden Tag immer wieder Niederlagen“, berichtet Ilgner. „Wir verlieren junge Talente, weil das Risiko, in diesem Trichter nicht nach oben zu kommen, einfach zu groß ist.“ Die Chance, es selbst als Juniorenweltmeister im Erwachsenenbereich in die Spitze zu schaffen, beziffert Ilgner mit 1:10 oder 1:20.

Einer, dem dieser Sprung glückte, ist Max Hoff. Seine Erfolge sind aber auch deshalb erstaunlich, weil er sich vor drei Jahren noch im Wildwasserrennsport durchkämpfte – eine olympische Disziplin ist das nicht. Wenn einen Olympia aber so fasziniert wie Hausding oder Hoff, kommt man auf die skurrilsten Ideen. Also wechselte der 28 Jahre alte Kölner vom wilden ins ruhige Gewässer. Mit Erfolg. Kaum pflügte er im neuen Revier durchs Wasser, da holte er auch schon erste Titel. „Wenn man das geschafft hat, kann man natürlich nur ein Ziel ausgeben“, sagt Hoff. Für seinen großen Traum vom Olympiasieg 2012 in London tut er alles. Und stößt dabei an die Grenzen des Machbaren: Seine Promotion hält ihn mehr auf Trab, als er es sich ausgemalt hat.

Patrick Hausding will im kommenden Jahr auch anfangen zu studieren, um eine Perspektive zu haben für die Zeit nach der großen Sportkarriere. „Ich habe mein Abi geschafft. Das mit dem Studium werde ich dann wohl auch noch hinkriegen“, sagt der 21-Jährige. Dass die Olympiavorbereitung natürlich trotzdem Vorrang hat, versucht Hausding erst gar nicht zu leugnen. Zu wichtig ist das Ereignis, zu weit kann man es mit einer olympischen Medaille bringen. Da braucht man nur Ole Bischof zu fragen.

Der 31 Jahre alte Judoka, der in seiner überschwänglich-schnellen Art zu reden offensichtlich gar nicht so viel berichten kann, wie er loswerden will, holte 2008 bei den Spielen in Peking die Goldmedaille. Gut zwei Jahre später tourt er mit seinem Sport durch die USA. Von New York nach Los Angeles und wieder zurück. „Ich bin im Judo so ziemlich der einzige Olympiasieger, der Englisch sprechen kann“, erzählt er, und deswegen haben ihn die Amerikaner für die Leitung von Übungseinheiten gebucht. Ole Bischof trollt mit aufstrebenden, talentierten Judoka über die Matten dieser Welt, er bringt ihnen bei, dass es nicht nur darum geht, den anderen auf den Rücken zu schmeißen, sondern auch um Respekt vor dem Gegner. Darüber hinaus hält er Vorträge über seinen, wie er sagt, „fairen und sauberen Sport“ – alles neben seiner eigenen Sportkarriere und seinem Studium, versteht sich.

Bischof hat seine Nische in der zuweilen recht unübersichtlichen und durchkommerzialisierten Sportwelt gefunden. Das lohnt sich auch finanziell, „sonst würde ich das ja wohl nicht machen“. Reichtümer, wie sie Fußballer beispielsweise erwirtschaften, wird Ole Bischof freilich nicht anhäufen. Nach eigenem Bekunden sei das aber auch nicht seine Intention. „Ich kann auch so viel bewegen – vielleicht nur im kleinen Rahmen, aber immerhin“, erzählt er. Schließlich wolle er auch ein wenig Vorbild sein. Das klingt fast ein bisschen nach Gutmenschentum. Aber in sogenannten Randsportarten haben sich die Athleten eben jede Menge Kompetenz in Sachen Basisarbeit und Bescheidenheit erworben. Michael Ilgner von der Sporthilfe sagt: „Rational betrachtet macht es kaum einen Sinn, es aus wirtschaftlichen Gründen im Sport zu versuchen.“ Jedenfalls nicht, wenn man nicht gerade ein begnadeter Fußballer, Eishockeyspieler oder Handballer ist.

Sportler wie Max Hoff und Patrick Hausding schauen natürlich auf die Kollegen der großen Sportarten. Ein bisschen achtungsvoll, ein bisschen neidisch. „Wenn man die Fußballer sieht – was sie trainieren und wie viel sie verdienen –, guckt man blöd und denkt: Was machst du hier eigentlich?!“

Patrick Hausding klettert wieder auf seinen Turm. Zehn Meter unter ihm leuchtet das türkisblaue Wasser, er spannt die Muskeln an, reckt die Arme in die Luft und hebt ab.

Es kribbelt. Noch zwei Jahre bis Olympia.

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