Sport : Einmal rund um den Skandal

Heute startet die Deutschland-Tour – und bangt wie der gesamte Radsport um die Zukunft

Mathias Klappenbach

Berlin - So richtig weiß keiner, was die nächsten neun Tage für den Radsport in Deutschland bedeuten werden. „Ich bin neugierig. Es ist so viel passiert in den letzten Wochen“, sagt Kai Rapp. Er ist der Renndirektor der Deutschland-Tour, die heute mit dem Prolog in Düsseldorf startet. Prinzipiell zu einem sehr guten Termin im Rennkalender, die Tour de France ist erst vor eine Woche beendet worden und noch in aller Munde. Doch genau das ist in diesem Jahr das Problem für die Rundfahrt, die seit ihrer Wiedereinführung 1999 stetig an Ansehen und Größe gewonnen hat. Kurz nach den Dopingskandalen vor und bei der Frankreich-Rundfahrt steckt der Radsport in seiner vielleicht tiefsten Krise, und diese ist auch bei der Deutschland-Tour das große Thema.

„Es wird sicher so sein, dass nicht nur alles kritisch, sondern zwanghaft hinterfragt wird. Aber das ist in der aktuellen Situation auch berechtigt “, sagt Hans-Michael Holczer, der Chef des Teams Gerolsteiner. „Dass es ein solches Dopingsystem wie das in Spanien aufgedeckte gibt, hätte ich nicht gedacht. Wir müssen schnell wirksame Maßnahmen ergreifen, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.“ Der nächste Termin dafür ist der 5. August, an dem sich bei der Deutschland-Tour Mediziner, Veranstalter, Rennställe und Verbände zum zweiten Mal am runden Tisch zusammensetzen, um über Konsequenzen zu beraten. Bis diese in Kraft treten, wird es seine Zeit dauern. Falls der Radsport überhaupt wieder das Vertrauen des Publikums zurückgewinnen wird, könnte es für die Deutschland-Tour zu spät sein: Die ARD überträgt die Rundfahrt wie vereinbart jeden Tag, danach läuft der Vertrag aber aus. „Die Chancen, dass wir 2007 wieder übertragen, stehen 50:50. Mitentscheidend werden die Quoten sein“, sagt Sportkoordinator Hagen Boßdorf.

„Eine Ohrfeige der Zuschauer kriegen wir sicherlich“, sagt Kai Rapp. „Aber ich hoffe auch auf den Eventcharakter der Etappen, beim Karnevalsumzug kennt ja auch keiner die Namen.“ Statt der suspendierten großen Stars sollen junge Fahrer bei der Rundfahrt, die von Westfalen über Niedersachsen in den Süden mit zwei Bergetappen in Österreich bis ins Ziel nach Karlsruhe führt, für eine positive sportliche Stimmung sorgen. Tourdirektor Rapp hofft auf, „junge, unbelastete Gesichter wie Stefan Schumacher vom Team Gerolsteiner und Linus Gerdemann und Patrik Sinkewitz vom T-Mobile-Team. Wir müssen nicht immer Stars hypen, im Radsport ist die Mannschaftsleistung entscheidend.“ Allerdings startet mit dem Astana-Team von Alexander Winokurow auch jene Mannschaft, die bei der Tour de France nicht mitfahren durfte, weil zu viele ihrer Profis in den Dopingskandal verwickelt sind. „Wir haben ein sauberes Feld“, sagt Rapp. „Die Teams haben sich verpflichtet, keine Fahrer von der Fuentes-Liste zu nominieren, auch alle Astana-Fahrer werden nicht verdächtigt.“

Die Fuentes-Liste – auf ihr stehen alle Fahrer, die sich von dem mutmaßlichen Drahtzieher des Dopingnetzwerkes in Spanien, Eufemiano Fuentes, behandeln ließen. Nach Informationen der spanischen Zeitung „El Pais“ führt nun auch eine Spur nach Deutschland. Nach seiner Festnahme in Madrid soll Fuentes seinen Kunden mitgeteilt haben, dass sie ihre Dopingmittel in Deutschland erhalten könnten. Die spanischen Ermittler sollen einen „Krankenhausarzt in einer deutschen Kleinstadt“ ausfindig gemacht haben. Hoffentlich fährt die Deutschland-Tour nicht in der Nähe vorbei.

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