Sport : Eins, zwei, drei, Schluss

Michael Greis holt am Ende der Biathlonwettkämpfe Gold, Kati Wilhelm Silber und Uschi Disl mit Bronze ihre ersehnte Medaille

Hartmut Scherzer[San Sicario]

Zum Finale baten sie noch dreimal zur Medaillenübergabe: Gold, Silber, Bronze. Es war ein glorreicher Schlusstag in San Sicario für die deutschen Biathleten, ohne die die deutsche Olympiamannschaft nur die Hälfte wert wäre. Der unumstrittene Held war Michael Greis. Der 29-Jährige aus Nesselwang im Allgäu schaffte nach seinen Siegen über 20 Kilometer und mit der Staffel den goldenen Hattrick und krönte sich mit seinem Olympiasieg über die erstmals ausgetragenen 15 Kilometer nach Massenstart zum erfolgreichsten deutschen Athleten der Spiele. Aber auch für Uschi Disl fand Olympia 2006 ein versöhnliches Ende. Nachdem sie für die Staffel nicht berücksichtigt worden war, erkämpfte sie sich hinter der Schwedin Anna Carin Olofsson und der etwas ausgelaugten Kati Wilhelm bei ihren fünften Olympischen Spiele doch noch eine Medaille. Bronze in ihrem letzten Lauf bei Olympia wertete die 35-jährige Oberbayerin glückstrahlend so hoch wie das Gold mit den Staffeln 1998 und 2002.

Nach dem letzten Schuss und dem letzten Stockschub konnten die Athleten der Bundestrainer Frank Ullrich und Uwe Müßiggang genüsslich die Medaillen zählen: elf in zehn Wettbewerben, fünf in Gold, vier in Silber, zwei in Bronze. Von fünf Disziplinen stellten die deutschen Männer nur in der Verfolgung nicht den Sieger. Die erdrückende deutsche Überlegenheit in der Loipe und am Schießstand schockierte die Konkurrenz, vor allem den großen Favoriten Ole Einar Björndalen aus Norwegen. Kein Gold, nur zweimal Silber und einmal Bronze für den fünfmaligen Olympiasieger, der mit vier Goldmedaillen der Superstar 2002 in Salt Lake City war. „Ich bin enttäuscht von mir“, sagte Björndalen zerknirscht und ärgerte sich über seine beiden Fehler am letzten Schießstand der 15 Kilometer, mit denen er das greifbare Gold vergab. Greis nutzte Björndalens Schwäche und holte sich den Sieg. „Es ist unglaublich, wie Michael läuft und schießt“, sagte Björndalen über seinen Nachfolger. Greis befand, bei ihm sei „alles aufgegangen, was hat aufgehen sollen, müssen, können“.

Zum Beispiel beim letzten Schießen des 15-Kilometer-Rennens. Seite an Seite neben dem Polen Tomasz Sikora stehend, legte Björndalen an – fast eine halbe Minute, bevor Greis als Dritter am Schießstand eintraf. Der Pole verfehlte einmal, Björndalen gleich zweimal und musste zwei Strafrunden absolvieren. Greis traf alle fünf Scheiben. 3,3 Sekunden hinter dem Polen, aber 20,1 Sekunden vor Björndalen ging Greis auf die letzten drei Kilometer. Er überholte bald Sikora und stürmte unter dem Jubel der deutschen Fans dem dritten Gold entgegen.

Der bescheidene junge Mann wusste nicht so recht, wie ihm geschah. „Das ist heute der schönste Tag meines Lebens“, sagte Greis. „Ein Traumtag.“ Seit er letztes Jahr bei den Weltmeisterschaften mit Silber seine erste Medaille überhaupt gewonnen hatte, sei er schon mit dem Ziel zu den Spielen gereist, auch hier eine Medaille zu holen. „Ich hatte seitdem ein gutes Gefühl. Aber nun dreimal Gold – das ist einfach unglaublich.“ Für seinen Trainer waren die jüngsten Ereignisse gar nicht so unglaublich. „Micha hat in den vergangenen Jahren am akribischsten daran gearbeitet, an die Weltspitze zu kommen“, sagte Frank Ullrich. „Er ist detailverliebt und puzzelt an allem herum, insbesondere an der Waffe.“

Mit der Waffe kam am Samstag selbst Uschi Disl zurecht, die wegen ihres unsicheren Anschlags nicht für die Staffel berücksichtigt worden war. Diesmal profitierte sie von einer ungewohnt guten Schießleistung. „Ich war extrem nervös und dann so kaputt auf der Strecke, dass ich nur übers Schießen noch eine Chance hatte“, sagte Disl. Nach drei Strafrunden konnte sie über die 12,5 Kilometer zwar weder Olofsson noch Wilhelm gefährden, die mit ihrem zweiten Silber „total glücklich“ war. Aber die drittplatzierte Martina Glagow lag auf den letzten drei Kilometern vor ihr. Und weil Disl „unbedingt eine Medaille zum Abschluss“ wollte, holte sie ihre Teamkollegin tatsächlich ein. Glagow war angesichts ihrer drei Silbermedaillen nicht allzu betrübt, als sich Disl an ihr vorbeischob, und rief ihr hinterher: „Uschi, hol dir deine Medaille.“

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