Sport : Einsam in der Betonschüssel

Chinas Fans ignorieren Frauenfußball – das spürt auch das deutsche Team

Frank Hollmann[Guangzhou]

Von olympischem Flair keine Spur. Vielleicht 2000 Zuschauer verlieren sich auf den rund 80 000 Plätzen des neuen Stadions am Rande der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou in der Provinz Kanton. Die Ehrentribüne haben Engelbert Nelle und Siegfried Dietrich fast für sich. Zehn Plätze neben den beiden Leitern der Delegation des Deutschen Fußball Bundes sitzen drei britische Kollegen, dazwischen herrscht gähnende Leere. Dabei stehen sich unten auf dem Rasen gerade die weltweit besten Frauen-Fußballmannschaften gegenüber. Das Duell von Weltmeister Deutschland und Olympiasieger USA endet, passend zum wenig inspirierend Rahmen, 0:0. „Unglaublich“, murmelt Dietrich. „Und das in China.“ Immerhin richtet das riesige Land in den nächsten 20 Monaten die Weltmeisterschaft im Frauenfußball (September 2007) und 2008 die Olympischen Spiele aus.

Guangzhou wird als Spielort zwar in beiden Fällen nicht berücksichtigt. Dennoch haben die lokalen Funktionäre die futuristische Arena Olympic Stadion genannt. Aber so genannte Olympiastadien gibt es in China viele. Überall in China werden riesige Betonschüsseln aus dem Boden gestampft, so viele wie sonst nirgendwo in der Welt. Jeder Provinzfürst will am Olympiaboom teilhaben, auch wenn in den meisten Sportstätten nicht mal ein potenzieller Olympia-Teilnehmer trainieren wird.

Guangzhou darf derzeit wenigstens den Testlauf für die Frauen-Fußball-WM ausrichten, ein Vier-Nationen-Turnier, an dem auch noch China und England teilnehmen. Doch die Bevölkerung im Zentrum der weltweiten Bekleidungsindustrie hat das noch nicht mitbekommen. Selbst Taxifahrer müssen sich von den Organisatoren per Handy den Weg zum Turnier erklären lassen. Und so verschenken verzweifelte Helfer kostenlose Karten an jeden, der auch nur in die Nähe des Stadions auftaucht. Dieses Stadion ist eine halbe Stunde vom Stadtkern entfernt, so viele Leute kommen also erst gar nicht.

Silvia Neid zuckt beim Blick auf die leeren Tribünen mit den Schultern. „Ich hab das nicht anders erwartet“, sagt die deutsche Bundestrainerin, die schon öfter in China war. Vielleicht ist Neid aber auch ganz froh, dass ihr junges Team sich fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit an das Austragungsland der WM gewöhnen kann. In Guangzhou kann Neid ihre Ergänzungsspielerinnen testen. Gleich sechs Stammkräfte fehlen verletzungs- oder berufsbedingt, darunter die komplette zentrale Achse mit Abwehrchefin Steffie Jones, Regisseurin Renate Lingor und Torjägerin Birgit Prinz. Seit dem Wochenende steht auch Silke Rottenberg auf der Verletztenliste. Im Abschlusstraining für die zweite Partie gegen China verletzte sich die Torfrau am Knie. Erste Diagnose: Kreuzbandriss und sechs Monate Pause. Dabei hatte Rottenberg gegen die USA noch überragend gehalten und ihrem Team das 0:0 gesichert.

Nach Rottenbergs Ausfall kam gegen China Stephanie Ullrich vom VfL Wolfsburg zu ihrem Debüt. China steht in diesem Turnier als einziges Team wirklich unter Druck. In der Weltrangliste fiel das Team auf Rang neun zurück, die heimische Presse kritisierte zuletzt die unattraktive Spielweise. Zudem scheint die Trainerfrage ungeklärt, seit der Chefcoach Ma Langxing schwer erkrankt ist.

Auch gegen Deutschland spielten sich die Chinesinnen nicht aus der Krise. Das Team um Ersatzkapitän Kerstin Stegemann beherrschte die Gastgeber fast nach Belieben. Allein die schlechte Chancenverwertung ihrer Gegnerinnen sicherte den Chinesinnen ein für sie schmeichelhaftes 0:0.

Acht Monate vor der WM steht der chinesische Fußballverband vor vielen Problemen. Auch deshalb verpflichtete er gerade Eckhard Krautzun als Berater. Krautzun, einst Bundes- und Zweitligatrainer unter anderem bei Kaiserslautern, Wolfsburg und 1860 München, hat in China einen erstklassigen Ruf, nachdem er die Junioren mit einer ungewohnt offensiven Spielweise bei der WM 2005 in Holland überraschend ins Achtelfinale geführt hatte. Silvia Neid, auf Krautzun angesprochen, bezeichnete den 66-Jährigen denn auch als „sehr erfahrenen Trainer“. Ob mit ihm aber die chinesischen Damen wie gewünscht an die Weltspitze kommen, ist fraglich. „Meines Wissens“, sagt Neid, „hat Krautzun noch nie im Frauen-Fußball gearbeitet.“

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