Sport : Einsicht eines Aussichtsreichen

Herthas Mittelfeldspieler Kevin-Prince Boateng verschuldet das 1:3 in Bremen – vielleicht lernt er daraus

Stefan Hermanns

Berlin - Kevin-Prince Boateng schaffte es noch bis zum Strafraum, dann sackte er zusammen. Es war der Moment der Entscheidung. Miroslav Klose hatte den Ball zum 3:1 für den SV Werder Bremen ins Tor geschossen, Boatengs Bemühen, den Treffer zu verhindern, hatte sich als vergeblich herausgestellt. Kurz hinter der Mittellinie war er losgesprintet, dem Ball und Klose hinterher, es war das schlechte Gewissen, das Boateng trieb. Herthas Mittelfeldspieler hatte vor dem 3:1 der Bremer einen tödlichen Pass gespielt – genau in den Fuß des Bremers Daniel Jensen. „Der erste Gedanke war: scheiße“, sagte Boateng.

Er blieb auf dem Boden liegen, als um ihn der Bremer Jubel losbrach. Den Kopf versteckte er zwischen seinen Armen; dass Arne Friedrich, Herthas Kapitän, ihm zur Erbauung auf den Rücken schlug, registrierte Boateng gar nicht. Dafür registrierte die Mannschaft mit gewissem Wohlwollen das öffentliche Schuldeingeständnis des 19-Jährigen. Eigene Fehler sind in seiner Vorstellungswelt bisher selten vorgekommen, Selbstkritik gilt in Boatengs Kosmos als Zeichen von Schwäche. „Das war ein sehr wichtiger Fehler, den ich gemacht habe“, sagte er. Der Satz war anders gemeint, als er sich anhörte, er traf den Sachverhalt allerdings recht gut. Vielleicht war der Fehler, der das 1:3 zur Folge hatte, genau der, den Boateng einmal benötigt hat.

Kevin-Prince Boateng ist begabt wie kein zweiter junger Spieler bei Hertha BSC. Was andere sich hart erarbeiten müssen, fällt ihm leicht, und in guten Momenten hat sein Spiel etwas geradezu Schwereloses. Als Thomas Schaaf, Werders Trainer, vor dem Spiel über Hertha sprach, widmete er dem 19-Jährigen eine ausführliche Passage. Große Achtung sprach aus seinen Worten. Vor einem Dreivierteljahr hatte Boateng in Bremen das zweite seiner bisher drei Bundesligatore erzielt. Es war ein Kopfball nach einem Freistoß, nichts künstlerisch allzu Wertvolles eigentlich, doch Boateng gab anschließend zu Protokoll, er habe es wie Michael Ballack gemacht. Ballack, der beste deutsche Fußballer, einer der besten Kopfballspieler der Welt – das ist die Kategorie, in der sich der 19-Jährige am liebsten sähe.

Als Herthas Trainer Falko Götz am Tag nach dem 1:3 in Bremen um ein Wort zu Boateng gebeten wurde, sagte er: „Nein. Er soll selber reden.“ Manager Dieter Hoeneß wollte „gar nicht ins Einzelne gehen“. Die Verantwortlichen sind hin und her gerissen zwischen Nachsicht mit Boateng und notwendiger Kritik an seinem Fehlverhalten. „Die Mischung aus beidem macht’s“, sagte Götz, der längst mitbekommen hat, dass der 19-Jährige sehr viel sensibler auf Vorhaltungen reagiert, als es seine selbstbewusste Attitüde vermuten lässt. Mit Kritik kann Boateng schlecht umgehen, vielleicht auch deshalb, weil er sie nicht gewohnt ist.

„Er ist 19 Jahre alt. Er darf Fehler machen, aber sie dürfen sich nicht wiederholen, vor allem dürfen sie uns keine Punkte und Spiele kosten“, sagte Götz. „Sonst müssen wir uns Alternativen überlegen.“ Eindringliche Gespräche wären eine Möglichkeit, „aber es gibt auch noch andere Wege“. Für die Besetzung im Mittelfeld hat Herthas Trainer nun wieder mehr Bewerber als freie Planstellen. Yildiray Bastürk kehrte in Bremen nach seiner Verletzungspause wieder in die Mannschaft zurück, spielte 30 Minuten und meldete anschließend für das Spiel in Leverkusen am Freitag seinen Anspruch auf einen Platz in der Startelf an. Dort wird sich wohl auch Ashkan Dejagah wiederfinden. „Ashkan spielt im Moment hervorragend“, sagte Boateng. Beide standen schon in der Jugend zusammen auf dem Platz, und lange sah es so aus, als habe Boateng den ein halbes Jahr älteren Dejagah deutlich abgehängt. In den vergangenen Wochen aber ist Dejagah an ihm vorbeigezogen.

Boateng schien angesichts seiner unbestreitbaren fußballerischen Qualität gefeit gegen die alterstypischen Leistungsschwankungen, nun muss er zum ersten Mal mit einem Rückschlag zurechtkommen. „Ich befinde mich zurzeit in einem kleinen Tief“, sagte Boateng. Um da wieder rauszukommen, werde er versuchen, „es dem Trainer recht zu machen und einfacher zu spielen, wie er das immer sagt“.

Das Problem ist: Boateng kann viel, und er will es auch vorführen. Manchmal wird er angespielt, und anstelle den Ball zu passen, lässt er ihn nur kurz vom Außenrist prallen, dann dreht er sich noch einmal um die eigene Achse, um dem Ganzen eine besondere künstlerische Note zu verleihen. Götz verlangt von Boateng mehr Klarheit und weniger Kunst. Paradoxerweise war es ein ganz einfacher und klarer Pass, mit dem er am Samstag vor dem 1:3 den Ball in den Fuß des Bremers Daniel Jensen beförderte. Es sei denn, Boateng wollte den Ball – allen physikalischen Gesetzen zum Trotz – durch Jensens Körper hindurchschießen. Völlig auszuschließen ist das bei ihm nicht.

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