Sport : Eintauchen ins Leben

Kunstspringer Schellenberg staunt über jammernde Kollegen – er kennt echte Probleme

Andreas Morbach

Barcelona. Man merkt es Tobias Schellenberg nicht unbedingt an, aber sein aktueller Arbeitsplatz gefällt dem Wasserspringer aus Leipzig schon sehr. Er ist ja schließlich in Barcelona, bei der Schwimm-Weltmeisterschaft. „Wahnsinn“ sei das Panorama, das sich ihm und seinen Kollegen von der Kunst- und Turmspringer-Szene bei ihren Wettkämpfen gerade bietet: Barcelonas berühmte Flaniermeile La Rambla, das Gassengewirr der Altstadt und als Prunkstück die Sagrada Familia. „Kleckerburg" haben die Athleten die bizarre Kirche, das unvollendete Monumentalwerk, getauft. Tobias Schellenberg freilich war „ein bisschen enttäuscht“, als er das Bauwerk vor Ort inspizierte. „Ich dachte, das Ganze wäre etwas größer.“

Erheblich weniger enttäuscht war er gestern Nachmittag. Der 24-Jährige sprang vom Einmeterbrett, und er sprang ganz gut. Nach dem Vorkampf belegte er den vierten Platz, und er hoffte, dass er eine Medaille gewinnen würde. Daraus wurde nichts. Der fünfte Platz ist für ihn aller Ehren wert, auch wenn er ein Stück von der Medaille entfernt blieb.

Aber eine Medaille hat er ja schon. Mit Andreas Wels aus Halle an der Saale hatte er am Sonntag im Synchronspringen Bronze gewonnen. Doch seine Freude über diesen Erfolg wurde ziemlich schnell getrübt. Bei der Einzel-Konkurrenz vom 3-m-Brett landete Schellenberg lediglich auf dem 22. Rang.

Auf jeden Fall aber ist der Sozialpädagogik-Student froh, wenn er bei dieser Weltmeisterschaft alles überstanden hat. Die letzte Zeit war ziemlich stressig. „Drei Wochen am Stück war ich fast nur mit Springen beschäftigt, jetzt habe ich den Kanal voll“, sagte er gestern nachmittag. Und genauso offen gibt er zu, dass das auch an dem einen oder anderen deutschen Kollegen liegt.

„Wir sind schon ein richtig gutes Team“, sagt Schellenberg zwar. Allerdings stimmt das nicht ganz. Der Teamgeist hat durchaus Grenzen. Es gibt Springer in der Mannschaft, Ältere vor allem, die über diverse Handicaps und Verletzungen klagen, und es gibt Leute wie den 24-jährigen Schellenberg, die darüber nur den Kopf schütteln können. Diese Nabelschau ist nicht seine Welt, er beißt die Zähne zusammen. Er findet, dass jeder Probleme habe, die man aber nicht ständig thematisieren müsse.

Er weiß schließlich, was echte Probleme sind. Die sieht er oft genug. Er sieht die fragenden Blicke krebskranker Kinder, sieht die Augen von verzweifelten Eltern, er sieht, wie kleine Körper gegen den Tod kämpfen und was die Chemotherapie anrichten kann. Er sieht das alles auf der Station für krebskranke Kinder in dem Krankenhaus in Leipzig, in dem der Student gerade ein Praktikum absolviert. „Das ist ziemlich hart, was ich da erlebe“, sagt er. Soll er mit diesen Bildern im Kopf die Wehwehchen und Klagen von Springern ernstnehmen? Von Leuten, die körperlich in der Lage sind, Höchstleistungen zu zeigen? Das kann keiner von ihm verlangen.

„Leute, nehmt eure Zipperlein doch bitte nicht so ernst“, hat er immer wieder bei den Lehrgängen und bei den Wettkämpfen zu seinen Mannschaftskollegen gesagt. Es war vergeblich, er drang nicht vor in die Welt der anderen mit seinen Erzählungen und seinen Erfahrungen. „Inzwischen habe ich es aufgegeben.“

Aber noch distanzierter steht er zu den Beckenschwimmern, die über jedes zu harte Bett wehklagen und über jedes Essen, das nicht komplett ihren Erwartungen entspricht. Die Jammerei von Schwimmern ist bei Trainern und Journalisten berüchtigt. Deshalb empfindet Tobias Schellenberg es als angenehm, „dass die ihre Wettkämpfe diesmal nach uns austragen. Da gab es doch immer Stress“. Die Beckenschwimmer beginnen am Sonntag. Da hat Schellenberg schon alles hinter sich.

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