Eintracht Frankfurt : Nur die Hybris war intakt

Eintracht Frankfurt verlor die Bodenhaftung und muss dafür bitter bezahlen. Es war ein beispielloser Absturz, den die Hessen hinlegten.

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Christoph Daum. Foto: dapd
Christoph Daum.Foto: dapd

Der steilste Absturz der Bundesliga-Geschichte ist perfekt: Noch nie ist eine Mannschaft, die nach der Hinrunde Siebter war, 17 Spieltage später abgestiegen. Der vierte Bundesliga-Abstieg Eintracht Frankfurts nach 1996, 2001 und 2004 ist ein Mysterium. Erklären kann ihn keiner der Beteiligten. „Ich war auf der Suche, woran das liegt“, sagte Frankfurts Vorstand Heribert Bruchhagen. „Indizien hatte man zwar genügend“, gab er zu, aber sie erklärten nicht den Niedergang.

Wo die Worte fehlen, muss wohl Musik herhalten. Daher der Versuch einer Analyse des Absturzes anhand des Liedes „Was hat dich bloß so ruiniert“ der Popgruppe „Die Sterne“ mit dem Refrain: „Wo fing das an? Was ist passiert? Was hat dich bloß so ruiniert?“

Wo fing das an? Im Sommer 2010 war die Welt in Frankfurt noch in Ordnung. Im ersten Jahr unter Trainer Michael Skibbe wurde Frankfurt Zehnter und holte 46 Punkte; erfolgreicher war die Eintracht zuletzt in der Saison 1993/94. Doch der ambitionierte Skibbe gab 50 Punkte als neues Saisonziel aus. Der finanzkonservative Vorstand Bruchhagen ließ sich treiben und überzog erstmals den Etat für die Vertragsverlängerung mit Halil Altintop und den Transfer von Theofanis Gekas.

Was ist passiert? Als der Saisonstart mit vier Niederlagen in fünf Spielen danebenging, deutete sich bereits an, dass die Zusammenstellung der Mannschaft nicht stimmte. Dann der Höhenflug, im Winter landete die Eintracht auf Platz sieben. Doch es waren die 14 Tore von Theofanis Gekas, die vieles schönten, etwa die Dauerkrise der Offensivkräfte Altintop, Meier, Fenin und Amanatidis, die bis Saisonende zusammen nur drei Treffer erzielten.

Die Frankfurter träumten vom Europapokal. Anders als früher bremste Bruchhagen die Hybris nicht und dünnte stattdessen den Kader aus, um den Etat auszugleichen. Einige Spieler wollten weg, Transfers platzten und Vertragsverlängerungen zogen sich hin, das sorgte für Unruhe im Kader. Als im Winter fast alle Verteidiger ausfielen, ging der Rückrundenstart daneben, dann streikte plötzlich in der Offensive auch Gekas. Die Eintracht kassierte die meisten Gegentore in der Schlussviertelstunde und konnte nur einmal einen Rückstand zum Sieg drehen.

Als Bruchhagen Skibbe entließ, schien es fast zu spät zu sein. Als Nachfolger verpflichtete er Christoph Daum. Der stellte gleich klar, dass er nicht in die Zweite Liga gehen würde. Er redete lieber vom „internationalen Flair“, das er nach Frankfurt zurückbringen wolle. Doch er holte mit einer verunsicherten Mannschaft nur drei Punkte aus sieben Spielen. Vor dem letzten Spiel in Dortmund, als der rettende Platz nur einen Punkt entfernt war, bezeichnete der Motivationskünstler Frankfurt als praktisch abgestiegen.

Was hat dich bloß so ruiniert? Letztlich die Sehnsucht nach einer glorreichen Zukunft, unter Verkennung der Gegenwart. Statt wie früher die Erwartungen zu dämpfen, machte Bruchhagen diesmal das Spiel mit. Zum Vorstand und Manager in Personalunion gab es keine Opposition im Verein. Mit einem Sportmanager an seiner Seite sollen künftig veraltete Strukturen im Scouting, der Teambetreuung und in der Nachwuchsarbeit aufgearbeitet werden – in Liga zwei.

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