Sport : Eisbären: Alles super?

Claus Vetter

Der Mann, der am Freitagabend missmutig die Eishalle im Sportforum Hohenschönhausen verließ, hätte seinen Job als Eishockey-Lehrer für einen Moment wohl liebend gern mit dem eines Eisverkäufers getauscht. Zwar ist Sean Simpson, Trainer der München Barons aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), nicht als jemand bekannt, der sich leicht aus der Ruhe bringen lässt, aber was zu viel war, war auch dem erfahrenen Kanadier zu viel. 1:6 bei den Berliner Eisbären - "nur schnell weg", murmelte Simpson. Das ging aber nicht. Der Münchner Trainer musste über die Gründe der Demontage referieren. Das wollte er aber nicht, stattdessen lobte er den Gegner. "Es gibt nicht viel zu sagen", sagte Simpson, "die Eisbären haben im Spiel schon alles gesagt. Die waren besser in jedem Bereich, haben einen Super-Teamgeist, ein Super-System und eine Super-Organisation."

Alles super bei den Eisbären? Nach sieben Spieltagen haben die Eisbären schon fünfmal gewonnen. Dabei schienen sich die Klub-Verantwortlichen zwei Jahre lang alle Mühe zu geben, die treuen Fans aus der Halle zu vertreiben. Zweimal wurden die Play-offs verpasst. Aber aus dem Misserfolg wurden Lehren gezogen, nie zuvor haben die Eisbären bei der Saisonvorbereitung derart viel Akribie an den Tag gelegt wie diesmal.

Beispiele für eine gelungene Personalpolitik drängen sich auf. Zum Beispiel David Cooper. Gegen München war die Fehlerquote des Verteidigers gleich null. Billy Flynn glaubt sogar, dass "Cooper der beste Verteidiger in der DEL ist". Nun ist der Marketingchef des EHC bekanntermaßen ein Anhänger von Superlativen, aber im Fall Cooper ist die Einschätzung der Realität wohl nicht so fern. Und was Cooper in der Verteidigung ist, das ist in der Offensive David Roberts. Der US-Amerikaner verkörpert am besten dass, was die Eisbären derzeit ausmacht: Es wird nicht nur gekämpft, sondern vor allem gespielt.

Auch Spieler vom angestammten Personal stehen für die neuen Eisbären. Zum Beispiel Marc Fortier, momentan in blendender Form. "Es stimmt eben alles bei uns", sagt der Kapitän. Teamkollege Jeff Tomlinson ist in seiner Ursachenforschung für den bisherigen Erfolg etwas dezidierter: "In der Vergangenheit haben sich alle nur auf Steve Walker verlassen. Jetzt wollen alle Tore schießen." Tomlinson - Freitag unter den Torschützen - überraschte mit seinen guten Auftritten in dieser Saison bislang alle Kritiker, nur sich selbst nicht. "Wenn ich einen Trainer habe, der mir die Freiheiten im Spiel gibt, kann ich auch zeigen, was ich kann."

Solche Komplimente sind Uli Egen natürlich willkommen. Vor ein paar Wochen zitterte der Berliner Trainer nach schlechten Ergebnissen in der Vorbereitung schon um seinen Job. Freitagabend waren Egen "nach dem besten Spiel der Eisbären seit Jahren" (Billy Flynn) derlei Ängste fremd. Fast verträumt studierte Egen einen Artikel in der Stadionpostille über David Cooper. Dort ließ sich Cooper über die Unterschiede zwischen seinem früheren Trainer bei den Kassel Huskies und seinem jetzigen Übungsleiter aus. "Hans Zach verlangt Respekt", wurde Cooper zitiert, "Uli Egen bekommt Respekt von allen Spielern, ohne ihn einzufordern." Egen war gerührt: "Das schönste Kompliment, das ich je als Trainer bekommen habe."

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