Eisbären-Aushilfskapitän Barry Tallackson : Des Trainers leise Stimme

Eisbären-Trainer Jeff Tomlinson hat Barry Tallackson überraschend zum Aushilfskapitän für den verletzten André Rankel ernannt – der eher ruhige US-Amerikaner soll das verunsicherte Team stabilisieren.

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Das Tor im Blick. Tallackson ist mit zwölf Treffern zusammen mit Shawn Lalonde bester Eisbären-Torschütze. Foto: Imago
Das Tor im Blick. Tallackson ist mit zwölf Treffern zusammen mit Shawn Lalonde bester Eisbären-Torschütze. Foto: ImagoFoto: imago sportfotodienst

Barry Tallackson ist derzeit um sein Kapitänsamt bei den Eisbären Berlin nicht zu beneiden. Nach der 3:6-Niederlage am Freitag in Augsburg muss der Deutsche Meister endgültig um die Teilnahme an den Pre-Play-offs bangen. Das heutige Auswärtsspiel bei den Kölner Haien (17.45 Uhr, live auf Servus TV) wird dadurch umso brisanter. „In Augsburg war es wie in einigen Spielen zuvor. Wir haben gut angefangen, aber ab dem zweiten Drittel die Konzentration verloren und Fehler gemacht“, sagt Tallackson.

Dass der 30 Jahre alte US-Amerikaner seit Ende November, als sich der etatmäßige Kapitän André Rankel eine Gehirnerschütterung zuzog, das „C“ auf seinem Trikot trägt, wurde im Umfeld mit allgemeiner Gelassenheit quittiert. Was umso erstaunlicher ist, als in dieser bislang so unbefriedigenden Saison ansonsten jede Marginalie leidenschaftlich diskutiert wurde, die als Grund für die unerwarteten Misserfolge herhalten könnte. „Ich bin selbst überrascht, dass mich noch niemand gefragt hat, warum er Kapitän ist“, sagt Trainer Jeff Tomlinson. Verständlich, denn die Entscheidung schien aus heiterem Himmel zu kommen: Tallackson zählte nicht zu den Assistenzkapitänen und hatte sich öffentlich auch nicht als Führungsspieler hervorgetan.

Aber Tomlinson war sich sicher: „Für mich war es nach Rankels Verletzung keine Frage, ihn zum Kapitän zu machen.“ Die Mannschaftshierarchie bewusst umzukrempeln, stand dabei nicht im Vordergrund: Seine Entscheidungen bespricht der Trainer mit allen alteingesessenen Führungsspielern. Tallackson habe ihn einfach „sehr beeindruckt“, sagt Tomlinson – gerade mit seinem Verhalten in Krisenzeiten. „In solchen Phasen gibt es Spieler, die nicht mehr hinhören, wenn der Trainer etwas sagt, weil sie denken: Das funktioniert sowieso nicht“, sagt Tomlinson. Tallackson sei da anders: „Obwohl er ein erfahrener Spieler ist und schon in der National Hockey League (NHL) gespielt hat, muss man ihm nichts dreimal sagen.“ Zudem habe ihn dessen Spielweise überrascht, als er im Sommer den Trainerposten übernahm: „Ich wusste, dass er ein Topstürmer ist. Aber er macht nicht nur Tore, sondern auch die Drecksarbeit in der Abwehr. Er stellt sich immer in den Dienst der Mannschaft.“ Dafür sollte das Kapitänsamt eine Belohnung sein.

Überzeugt hat ihn auch Tallacksons Auftreten in der Kabine: „Er strahlt in schweren Phasen die nötige Ruhe aus.“ Diese Gelassenheit schätzt Tomlinson mittlerweile: „Früher war ich selbst ziemlich hektisch. Aber das hat sich geändert. Da habe ich mir auch von Don Jackson einiges abgeschaut.“ Denn ohne in der Kabine für unnötigen Wirbel zu sorgen, gewann Tomlinsons Vorgänger fünf Meistertitel mit den Berlinern. Einen impulsiven Lautsprecher wollte er daher nicht als Kapitän. „Einen Führungsspieler macht aus, was er sagt, wenn der Trainer nicht dabei ist. Da muss er meine Stimme sein“, sagt Tomlinson – und bei Tallackson ist er sicher, dass der in seinem Sinne handelt.

Auch für den Interimskapitän kam die Berufung überraschend. „Als ich zum ersten Mal mein Jersey mit dem ‚C‘ in der Kabine hängen sah, war ich schon ein wenig aufgeregt“, sagt er. Das sei eine Ehre, „aber unser Kapitän ist Rankel. Er ist ein Vorbild. Ich vertrete ihn nur.“ Sein Auftreten hat er nicht groß geändert: „Ich war nie sonderlich laut. Ich versuche, durch meine Leistungen zu führen.“ Nun sei es eben seine Aufgabe, in der Kabine als Erster das Wort zu ergreifen, gerade wenn es nicht läuft. Aber dann würden auch die anderen Erfahrenen sprechen und sich die Verantwortung teilen. „Es ist ruhiger als früher. Stefan Ustorf war ein lauterer Typ“, sagt Tallackson. Inzwischen seien aber viele Spieler so erfahren, dass sie wüssten, was zu tun sei: „Da ist es gar nicht mehr nötig, sich gegenseitig anzuschreien.“ Das gefällt seinem Trainer: „Wenn jemand herumbrüllt, macht das alle noch viel hektischer“, sagt er. Klare Ansagen seien nötig, „aber wichtig ist, wie man etwas ausdrückt“.

Vor dem Spiel in Köln ist es nun an Kapitän Tallackson, die richtigen Worte zu finden. „Ich will dafür sorgen, dass die Jungs die Köpfe nicht hängenlassen“, sagt er, „aber wir müssen uns besser konzentrieren. Wir machen vieles richtig, aber eben nicht über die vollen 60 Minuten.“

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