Eisbären Berlin : Die Aussichten: heiter und mulmig

Es könnte so einfach sein: Ein Sieg am Dienstagabend – und die Eisbären Berlin wären wieder Deutscher Eishockey-Meister. Doch das Team weiß: Wer zu früh feiert, der verliert.

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Brüllen für den Titel. Stefan Ustorf (l.) und Kollege André Rankel zeigen sich vor dem dritten Finalduell höchst konzentriert.
Brüllen für den Titel. Stefan Ustorf (l.) und Kollege André Rankel zeigen sich vor dem dritten Finalduell höchst konzentriert.Foto: dapd

Berlin - Sport lebt zu einem großen Teil auch von seinen Weisheiten. Eine davon besagt, dass das letzte Spiel immer das schwierigste ist. „Das hat irgendjemand mal behauptet und alle anderen fanden es klug und haben es übernommen“, sagt Stefan Ustorf, der am Montagmorgen gerade die vielleicht letzte Übungseinheit der Saison hinter sich und das vielleicht letzte Spiel der Saison vor sich hatte. Am Dienstag wird der Mannschaftskapitän seine Eisbären Berlin womöglich zum vorzeitigen Finale des Finals um die deutsche Eishockeymeisterschaft auf das Eis des EHC Wolfsburg führen (19.35 Uhr, live bei Sky).

Und man sollte meinen, keiner könnte die Bedeutung dieser Partie besser einordnen als Stefan Ustorf selbst. Denn bis heute trägt er ein Trauma mit sich herum, über das er am liebsten kein einziges Wort mehr verlieren will, an diesem Tag aber kommt er einfach nicht drum herum. Schlechte Erfahrungen habe er gemacht, erzählt er also mit verschwitztem Gesicht. Und weiter: „Alles war geplant“, die Feierlichkeiten und so, „und am Ende ist es schiefgelaufen.“ Es trug sich zu im Jahre 1999, als die Detroit Vipers in der nordamerikanischen International Hockey League 3:0 führten und die Best-of-seven-Serie im Halbfinale noch 3:4 gegen Orlando verloren – eine absolute Rarität und auch deshalb so nachhaltig schmerzhaft.

Zwölf Jahre später liegt Ustorf im Play-off-Finale gegen Wolfsburg 2:0 vorne, ihn trennt noch ein Sieg vom Titel, und er gibt nun genau wie sein damaliger und jetziger Kollege Steve Walker alles dafür, dass sich Geschichte bloß nicht wiederholt. „Es wird schwer, alles auszublenden“, sagt Ustorf. „Aber in so einem Spiel darf man einfach nicht an das Gesamtbild denken.“ So ein Spiel! Irgendetwas scheint eben doch anders, wenn man tatsächlich um diesen mächtigen Pokal spielt. „Der Mittagsschlaf wird ein bisschen unruhiger ausfallen als sonst“, sagt Verteidiger Jens Baxmann, auch der Trainer spricht von einem mulmigen Gefühl.

Während die Fans den 5:4-Erfolg von Spiel zwei am Sonntag ausgelassen bejubelten, schlenderte Don Jackson „reichlich genervt“ vom Gelände am Berliner Ostbahnhof. Doch was will der US-Amerikaner eigentlich mehr als den zweiten Sieg im zweiten Finale? Disziplin, Disziplin, Disziplin. Es war zu viel für Jackson, dass seine Mannschaft es am Ende noch einmal so spannend machte, und sowieso: „Man kann nicht erwarten, dass man mit vier Gegentoren immer gewinnt.“ Überall sind die Warnungen aufseiten der Eisbären trotz der blendenden Aussichten auf die fünfte Meisterschaft innerhalb von sieben Jahren zu hören; manch einer würde das wohl schon als paranoid bezeichnen.

Dabei spricht es nur für die Konzentration von Jacksons Team, dass es lieber ein bisschen zu verhalten als zu überheblich an die Aufgabe Titelgewinn herangeht. Für die Wolfsburger hingegen spricht nach so einem Serienverlauf nicht mehr viel. In Deutschland ist es überhaupt erst einer Mannschaft, dem EV Landshut, gelungen, einen 0:2-Rückstand in einer Best-of-five-Serie der Play-offs noch zu drehen – und das ist sogar drei Jahre länger her als die persönlichen Schreckenserfahrungen einiger Berliner Profis.

Wären die Eisbären jetzt besonders tollkühn, könnten sie wahrscheinlich sogar das Risiko eingehen, das dritte Duell in Wolfsburg abzuschenken, um nach zwei auswärts eingeheimsten Titeln endlich mal wieder vor den eigenen Fans zu feiern – dann in Spiel vier am Donnerstag. „Ich gebe zu, dass die Gedanken an eine Feier zu Hause schon durch meinen Kopf gehuscht sind“, sagt Trainer Don Jackson, „aber das verbietet sich, denn so etwas kann ganz schnell nach hinten losgehen.“ Da braucht man nur Kapitän Stefan Ustorf zu fragen.

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