Eisbären Berlin : In der Mitte angekommen

Die Play-offs im Eishockey starten. Die Eisbären ziehen neue Fanschichten an und haben sich zu einem Klub für ganz Berlin entwickelt.

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Unter dem Zeichen des Eisbären. Die treuesten Berliner Anhänger feuern ihre Mannschaft von der Stehplatztribüne aus an.
Unter dem Zeichen des Eisbären. Die treuesten Berliner Anhänger feuern ihre Mannschaft von der Stehplatztribüne aus an.Foto: ddp

Berlin - Das Prozedere ist immer das gleiche. Wenn Katja Mellerowicz zum großen Spiel aufbricht, trifft sie sich mit ihren Freunden am Bahnhof Warschauer Straße. „Dann gibt es ein Einstimmungsbierchen oder eine Cola und wir gehen in die Halle, wo wir als erstes unsere Plätze aufsuchen“, erzählt sie. Ihre Plätze: Obwohl es dort auf der mächtigen Stehplatztribüne unter dem Zeichen des Eisbären keine feste Zuweisung qua Ticket gibt, steht die junge Berlinerin in ihrem Trikot mit Nummer 10 immer am selben Ort: Block 213, mitten unter den treuesten Fans. Und während das große Spiel läuft, schreit sie zusammen mit der Schar „Dynamo, Dynamo“ und „Ost-Ost-Ost-

Berlin“.

Dabei kommt Katja Mellerowicz aus West-Berlin.

Von Lichterfelde aus reist sie zu beinahe jedem Spiel in den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg – und repräsentiert damit so etwas wie eine neue Generation Berliner Eishockeyfans. „Ein Freund hat mich einmal mitgenommen und seitdem bin ich infiziert“, sagt sie. Zusammen mit den Eisbären ist die 29-Jährige vor eineinhalb Jahren in die neue Großarena eingezogen. Die Zeiten, in denen Eishockey im Osten Berlins in einer schmuddeligen Bude, die sie Wellblechpalast tauften, gespielt wurde, hat Mellerowicz nicht miterlebt. „Den Welli kenne ich nur von Videos“, sagt sie. „Aber es muss dort sehr speziell gewesen sein.“

Es ist nicht mal zwei Jahre her, dass die Eisbären vor einer eingeschworenen und ungeheuerlich lauten Fangemeinde in Hohenschönhausen aufliefen. Wer freundlich war, nannte sie damals Kiezklub, für andere waren sie ein bizarrer Ostverein – der Anteil an Zuschauern aus dem Westteil der Stadt lag im Wellblechpalast weit unter 20 Prozent. Einer der wenigen Besucher aus Berlin-Zehlendorf war René Welzer. 1992 stieß er zur Eisbären-Gemeinde, weil dort „Rambazamba“ war, wie er sagt. „Die Eisbären gewannen anfangs nichts und trotzdem stieg immer eine Party. Das war irgendwie Kult.“ Dennoch blieb Welzer in Hohenschönhausen ein Exot. „Viele hatten Berührungsängste. Sie trauten sich nicht zu kommen“, erzählt Maik Taubitz, ein langjähriger Eisbären-Anhänger. Seit 1991 ist er bei den Spielen dabei. Mehr noch. Taubitz sorgt mit seiner Fangruppierung „Fanatics Ost“ für die Stimmung in der Halle; mit seinem Megaphon gibt er den Ton der Kurve an.

Zu Beginn hegte Taubitz große Bedenken gegenüber der neuen Heimat seines Klubs, er war sich nicht sicher, ob die einzigartige Atmosphäre die Umsiedlung in Berlins Mitte verkraften würde. Und tatsächlich sind ein paar Leute aus seinem engeren Freundeskreis nicht mit umgezogen. Ab und zu fahren sie noch mit zu Auswärtsspielen, aber der neue Schnickschnack der Großarena – „das ist nichts für sie“, sagt Taubitz. Er selbst findet zwar, dass jetzt alles „ etwas anonymer“ geworden ist, zählt die Stimmung in der Halle im deutschlandweiten Vergleich dennoch zu den besten – trotz der Vergrößerung des Publikums.

Fast dreimal so viele Besucher wie zu Wellblechpalastzeiten kommen in die neue Arena zu den Eisbären – der Zuschauerschnitt liegt bei über 14 000 Besuchern pro Spiel. Laut Vereinsangaben kommen etwa 60 Prozent von ihnen nach wie vor aus den Ostbezirken und dem Umland, der Rest reist aus Steglitz, Lichterfelde & Co an. Es sind Menschen wie Katja Mellerowicz. Anfangs habe sie Probleme gehabt, sich an Sprechchören wie „Ost-Ost-Ost-Berlin“ zu beteiligen, sagt sie, mittlerweile rufe sie jedoch aus voller Überzeugung mit. „Das macht den Verein aus, es ist seine Identität“, findet Mellerowicz. In der nächsten Saison wird sie sich deshalb auch eine Dauerkarte zulegen – schließlich ist sie ja sowieso bei nahezu jeder Partie dabei.

Für diese Art von Integration sorgt der Austausch innerhalb der Fanszene, neue und alte Anhänger treffen sich beispielsweise zu Stammtischen. „Erst neulich hatten wir eine Gruppe aus Steglitz dabei“, sagt Maik Taubitz. „Wir wachsen stetig weiter. Etwas Besseres als der Umzug hätte uns nicht passieren können.“ Eine Ansicht, die von Vereinsseite geteilt wird. „Es ist schön, dass wir die Möglichkeit haben, mehr Fans zu begeistern“, sagt Eisbären-Manager Peter John Lee. „Wir haben jetzt ganz Berlin gewonnen.“

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