Eisbären Berlin : Wer steht denn da im Tor?

Die Eisbären verlassen sich auf Stammtorwart Rob Zepp – welche Risiken das birgt, war schon zum Saisonauftakt beim 3:8 in Kassel zu sehen.

Katrin Schulze
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Und noch einer. Eisbären-Torhüter Keller musste beim DEL-Debüt acht Mal hinter sich greifen.City-Press GmbH

Gut sechs Minuten vor Schluss hatte Don Jackson genug gesehen. Oder wollte er seinen Torwart einfach nur vor weiteren Demütigungen bewahren? Jedenfalls beorderte der Eisbären-Coach den jungen Burschen mit der Nummer 35 schon in der 54. Spielminute vom Eis – eine ungewöhnliche Maßnahme, aber „verloren hatten wir ja sowieso schon“, sagte Jackson. „Da kann man schon mal etwas riskieren.“ Für Markus Keller schien das Risiko seines Trainers wie eine Erlösung. Sichtlich mitgenommen fuhr er in seiner schweren Eishockey-Ausrüstung, die ihm in diesem Moment wohl gleichzeitig als kleines Versteck diente, aus seinem Tor. Immerhin acht Treffer hatte er zuvor bei der 3:8-Pleite der Eisbären in Kassel einstecken müssen.

Ein gelungenes Debüt sieht anders aus. Es war Kellers erstes Punktspiel bei den Berliner Profis. Und es „war einfach nicht sein Tag“, wie Don Jackson befand. „Markus sah mehr als unglücklich aus.“ Das Unglück ereilte an diesem Freitagabend aber nicht nur den Torhüter der Eisbären, sondern auch seine Mitspieler. Unkonzentriert und fahrig agierten sie gegen den Außenseiter aus Hessen. Eine wirkliche Hilfe waren sie ihrem jungen Keeper so nicht. Weder mental noch spielerisch. Dass der 20 Jahre alte Keller beim ersten Saisonspiel der Eisbären überhaupt im Tor des Deutschen Meisters stand, lag an seinem Kollegen Rob Zepp, der sich im Training eine Rippenverletzung zugezogen hatte.

Rob Zepp ist bei den Berlinern in dieser Saison als Stammtorhüter gesetzt. „Ich fühle mich wohl in der Rolle und will sie gut ausfüllen“, sagt der 27 Jahre alte Kanadier pflichtbewusst. Eine wirklich kompetente Alternative zu ihm haben die Eisbären allerdings nicht im Aufgebot. Noch nicht. Denn hinter Zepp wollen sie lieber „einen jungen Deutschen als zweiten Torhüter aufbauen“, wie Peter John Lee sagt. Nun, der geplante Aufbau ging mit dem ersten Einsatz Kellers schneller voran als auch dem Berliner Manager lieb sein dürfte.

Zu schnell? Diese Frage müssen sich die Berliner nun stellen, nachdem sie Zepps vereinsinternen Konkurrenten Youri Ziffzer zur Liga-Konkurrenz nach Hannover haben ziehen lassen. Ziffzer wurde von Jackson in der vergangenen Spielzeit zum Ersatzmann degradiert und kam lediglich auf zehn Einsätze – zu wenig für einen Nationaltorhüter. „Wir hatten keine andere Wahl, als Youri gehen zu lassen, denn er wollte mehr“, sagt Jackson, der noch nie zu den größten Fans von Ziffzer gezählt hat.

Ein einziges Mal hatten die Berliner zuvor unter Don Jackson schon mal acht Gegentore kassiert. Der Trainer selbst braucht gar nicht zu überlegen, bis ihm einfällt, wann das war. Anfang Januar 2008, 3:8 in Nürnberg hieß es da. Und im Tor stand: Youri Ziffzer. „Das ist für uns der Tiefpunkt der Saison“, sagte Don Jackson damals. Überträgt man diese Einschätzung auf die laufende Spielzeit, dann hätten die Eisbären ihren Tiefpunkt schon früh in der Saison erreicht. Frei nach dem Motto „es kann nur besser werden“ gibt sich der Trainer in Anbetracht der deftigen Niederlage gegen Kassel verhältnismäßig gelassen. „Ich denke, dass wir auf einem guten Weg sind. Auch im Tor“, sagt Jackson.

Es kann aber auch ein holpriger Weg für die Eisbären werden: Fällt Zepp aus, müssen sie sich auf einen jungen deutschen Nachwuchsgoalie verlassen – entweder Sebastian Albrecht oder eben Keller. Beide können naturgemäß noch nicht die Sicherheit eines erfahrenen Mannes wie Zepp ausstrahlen. Wie das im schlechtesten Fall ausgehen kann, ließ sich am Freitag in der Kasseler Eishalle beobachten. Zwar war Keller beim ersten Gegentor noch chancenlos, ließ sich aber danach vielleicht auch durch die aufgeheizte und laute Atmosphäre im engen Stadion beeindrucken und leistete sich einige Patzer. Selbst in Unterzahl gelang den Huskies ein Treffer.

„Das ist der Weg, den ein junger Torwart gehen muss,“ findet der Berliner Trainer. „Dazu gehören auch Fehler.“ Trotzdem wird Jackson beim ersten Heimspiel der Saison heute gegen den ERC Ingolstadt (14.30 Uhr, Arena am Ostbahnhof, live auf Sky) voraussichtlich wieder Rob Zepp vertrauen. „Wir gehen davon aus, dass er fit ist“, sagt der Eisbären-Coach. „Und dann wird er auch spielen.“ Denn zu viel Risiko – das ist auch für jemanden wie Don Jackson nichts.

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