Eisbären : „Chippen“ und „pinchen“ - Taktikschule mit Jeff Tomlinson

Nach 13 Spieltagen sind die Eisbären immer noch in der Krise. Am Donnerstag hat Trainer Jeff Tomlinson versucht, die Taktik des deutschen Eishockeymeisters zu erklären.

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Aggressiv an der Bande. So will Coach Tomlinson Jimmy Sharrow (r.) sehen. Foto: dpa
Aggressiv an der Bande. So will Coach Tomlinson Jimmy Sharrow (r.) sehen.Foto: dpa

Jeff Tomlinson sitzt auf einem Barhocker. Genauer: Der Trainer der Eisbären sitzt preußisch stramm auf dem Hocker in einer Loge der Arena am Ostbahnhof. Die Beine angewinkelt, aber akkurat zusammen, und dann blickt er angestrengt auf seinen Laptop. „Meine Brille, die brauche ich dann doch“, sagt er. Neben dem Laptop hängt ein Großbildschirm an der Wand, der überträgt alles, was der Trainer nun an zusammengeschnittenen Spielszenen seiner Mannschaft zeigt. Mit der Maustaste setzt er Pfeile, Linien und Kreise. Eishockeytaktikschule ist am Donnerstag angesagt, für die Journalisten. Damit alle, so glaubt Tomlinson, das Spiel seiner Mannschaft besser verstehen können.

Die Situation ist nicht ganz frei von unfreiwilliger Komik. Nach 13 Spieltagen ist Tomlinsons Mannschaft Tabellenvorletzter der Deutschen Eishockey-Liga. Der Trainer wirkt etwas angespannt, als er mit seinem Vortrag beginnt. Irgendwo im Auditorium fällt das Wort „Druck“. Tomlinson schmunzelt. Scherzvorlage. „Druck habe ich selbst schon genug“, sagt er. Der Einführungskalauer sitzt. Nun geht es ganz ernsthaft los. Überzahl, Unterzahl, Spielsituationen im eigenen und gegnerischen Drittel. Tomlinson erörtert das Positionspiel, erklärt plausibel, wie Passwege für den Gegner zugemacht werden, und Raumaufteilung. Er feuert ein Stakkato an Spielszenen ab, seine Stimme ist laut und bestimmt. Es soll wohl auch illustrieren, wie sehr sich der Eishockeytrainer Tomlinson durchsetzen kann. Szene vorbei. „Fragen?“, fragt der Trainer. Hundertstelsekunde Pause. „Nein“, sagt der Trainer. Und dann nimmt er sich das Zweikampfverhalten an der Bande vor: „Da wollen wir mit drei Spielern auf zwei gegnerische Spieler gehen und uns so in Überzahl immer die Scheibe erobern.“

„Wollen“ ist die meistbenutzte Vokabel von Jeff Tomlinson. Bisher ist es in dieser Saison bei nur fünf Siegen in 13 Spielen bei den Eisbären oft beim Wollen geblieben. Erstaunlich, findet auch Tomlinson. „Denn wir spielen das gleiche System wie in der letzten Saison.“ Da hieß der Trainer noch Don Jackson und die Eisbären wurden wieder mal Meister, und auf dem Weg dahin kanzelten sie die Laufkundschaft der Liga schon mal mit 5:1 oder 6:2 vom Eis. Das ist Tomlinson bislang noch nicht gelungen mit seinem Team.

Bevor aber die ersten Fragen danach kommen, hat Tomlinson auch ein paar Negativbeispiele parat. Szenen, in denen die Spieler Fehler gemacht haben. „Der ist zu langsam, der ist aus der Position. Hier versucht der Olver zu korrigieren – und es gelingt ihm. Fragen?“ Nein. In einer anderen Szene ist Darin Olver nichts gelungen, da fiel ein Gegentor. Überhaupt gibt es viele Bilder, in denen Tomlinson Fehler bei seinen Stürmern ausmacht. Besonders wenn es um die Position des „F3“ geht – kein Feld aus dem Schachspiel, sondern nur die Bezeichnung des dritten, zurückhängenden Angreifers, im Englischen eben „Forward“. Und dann wird auch mal der Gegner „gepincht“ und der Puck „gechippt“. Aber ansonsten kommt der Kanadier mit den exzellenten Deutschkenntnissen ohne Denglisch aus.

Druck machen, aggressiv spielen, will Tomlinson. „Das ist unsere Identität als Eisbären, anders geht es nicht.“ Dem Gegner den Raum nehmen, „ihm keinen Sauerstoff lassen“. Fragen? Ja! Wenn es so einfach ist, warum läuft denn bei den Eisbären bislang so wenig? Tomlinson nickt. Na klar, die Spieler machen Fehler. Die Komponente Mensch ist bisweilen stärker als die Komponente Taktik. Theorie ist schön, aber fehlen den Eisbären für die Umsetzung des Trainers Ideen nicht die Spieler? Nun meldet sich der Manager aus dem Hintergrund. „Gerade unsere jungen Spieler müssen noch viel lernen“, sagt Peter John Lee. Tomlinson nickt und will auch noch etwas sagen. Es geht unter. Auf dem Eis röhrt nun die Eismaschine. Am Freitag spielen die Eisbären ja wieder in der Arena am Ostbahnhof (19.30 Uhr). Gegen den ERC Ingolstadt. Optimal wäre, wenn die taktischen Vorstellungen des Trainers in einen Berliner Sieg münden würden. Dann gäbe es noch weniger Fragen an Jeff Tomlinson.

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