Eisbären : Diesseits vom Wellblechpalast

Die Vergangenheit ist besiegt: Die Eisbären sind zum populärsten Klub außerhalb des Fußballs geworden.

Claus Vetter

BerlinAm Sonnabend werden die Fans der Eisbären ein letztes Mal in dieser Saison zur Großarena am Ostbahnhof pilgern. Der Autokorso des neuen Eishockeymeisters soll unweit der East- Side-Gallery enden, an der Nahtstelle zwischen West und Ost. Ost? Eisbären? Da war doch was – der Wellblechpalast, die betagte kleine Halle im Berliner Ostbezirk Hohenschönhausen. Dort drängelten sich Woche für Woche bis zu 5000 Menschen auf engen Stehplatztribünen, um die Eisbären zu sehen. Kult war das. Als die Eisbären in die neue Mehrzweckarena umzogen, meinte mancher, der Verein habe seine Seele verramscht. Und neun Monate nach dem Umzug? Da sagt Eisbären-Geschäftsführer Billy Flynn: „Wir sind weit weg vom Wellblechpalast und trotzdem haben wir keine alten Fans verloren.“

Im Gegenteil. Die Eisbären haben nach dem Umzug Berlin gewonnen. Zahlen illustrieren das. Fast 14 000 Zuschauer im Schnitt kamen pro Spiel, zu 32 Meisterschaftspartien pilgerten insgesamt 442 000 Menschen. Die Eisbären sind der populärste Klub in Deutschland außerhalb des Fußballs: Die Vereinshymne von den Puhdys „Hey, wir wollen die Eisbären sehen“ wird im Ballermann von Mallorca und in Tiroler Skihütten rauf und runter gedudelt. Laut einer Umfrage des Sportrechtevermarkters Sportfive kennen 61 Prozent der Deutschen den Klub – den FSV Mainz kennen auch nicht mehr Menschen.

„Was die Eisbären in der O2-World geschafft haben, macht uns glücklich“, sagt Moritz Hillebrand, der Sprecher vom Klubeigner Anschutz. Allerdings hat der auch gehörig Aufwand getrieben, um die Zuschauer in die Halle zu locken. „Das Rahmenprogramm mit dem Feuerwerk kostet natürlich erheblich mehr, als das, was früher im Wellblechpalast gemacht wurde.“ Über Kosten will Eisbären-Geschäftsführer Billy Flynn aber gar nicht reden. Der Mann aus Boston, der längst ein Berliner ist, verfällt in seinen Ausführungen schon mal in amerikanischen Werbesprech, aber Flynn hat ja sein Produkt auch blendend verkauft. Er sagt: „Wir haben alle Skeptiker überzeugt und gezeigt, dass der Klub von 4000 auf 14 000 Zuschauer wachsen kann.“ Und dann wird Flynn anekdotisch; er erzählt von der Besorgnis, die Klubeigner Philip Anschutz gehabt habe, der Milliardär aus Denver. „Der hat gesagt: Billy, kriegt ihr das mit der Stimmung in der neuen Halle auch hin?“, erzählt Flynn. „Da habe ich gesagt: Wir verdreifachen die Stimmung.“

Mit der drei Mal so guten Stimmung hat André Haase, altgedienter Eisbären-Fan, so seine Probleme. „Es wird zwar in der neuen Halle sehr laut, aber der Wellblechpalast war schon ein Hexenkessel.“ Trotzdem hat Haase an der neuen Spielstätte nichts auszusetzen. Seit Jahren gibt er den „Eis-Dynamo“ heraus, das kritische Eisbären-Fanmagazin. „Davon verkaufen wir jetzt vor der Halle pro Ausgabe 600 bis 700 Stück mehr.“ Für Haase ist das ein Indiz dafür, dass der harte Fankern nach dem Umzug gewachsen ist. „Ich treffe Leute wieder, die ich im Welli jahrelang nicht mehr gesehen habe. Nun sind sie älter und kommen mit ihren Kindern wieder.“ Die Halle biete eben Komfort. „Hier können die Menschen auch sitzen.“ Trotzdem glaubt Haase, dass die Fans ihre Identität mit dem Umzug nicht verkauft haben. „Die sind immer noch kreativ und angriffslustig. Es gab diese Saison Fan-Demos, Proteste gegen hohe Preise in der Halle und gegen die totale Kommerzialisierung.“

Flynn glaubt, dass es den Eisbären gelungen ist, die Basis mitzunehmen. Fans seien sensibel, weiß er. „Das ist wie mit einer Taube in der Hand. Drückst du zu doll, stirbt sie. Lässt du zu locker, fliegt sie weg.“ Bei den Eisbären hätten die Fans ein Mitspracherecht, sagt Flynn. Und schließlich hätten die Fans nun als Alleinstellungsmerkmal ihre Stehplatztribüne. Also bitte.

Trotz Stehplatztribüne hat sich die Publikumsstruktur mit dem Auszug aus dem Wellblechpalast deutlich verändert. André Haase vom „Eis-Dynamo“ sagt: „Berlin war immer eine Eishockeystadt. Und jetzt, wo es die Preussen in der Erstklassigkeit nicht mehr gibt, haben die Eisbären in der neuen Halle auch altes Potenzial aufgefangen.“ Selbst das letzte Maskottchen aus seligen, erstklassigen Preussen-Zeiten habe inzwischen eine Dauerkarte bei den Eisbären.

Auch Eisbären-Manager Peter John Lee hat diese Entwicklung verfolgt. Er sagt: „Bei uns kommen jetzt etwa 40 Prozent der Zuschauer aus dem Westen. Aber so genau können wir das gar nicht mal mehr sagen. Wir sind eben ein Berliner Klub geworden.“ Und der spielt weit weg vom Wellblechpalast.

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