Eisbären in der Krise : Selbstfindung als neue Taktik

Die Eisbären fühlen sich von ihrer Krise überfallen, dabei ließ die sich erahnen als Jeff Tomlinson das Traineramt von seinem Vorgänger Don Jackson übernahm.

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Schlechte Haltungsnoten. TrainerTomlinson (r.) sucht den Weg nach oben.
Schlechte Haltungsnoten. TrainerTomlinson (r.) sucht den Weg nach oben.Foto: IMAGO

Es könnte ein Horrorszenario werden. Da reist der US-amerikanische Klubeigner aus Denver nach Berlin, um zu verfolgen, wie seine Gattin Nancy den Profis der Eisbären für ihre im April errungene siebte Deutsche Meisterschaft die sogenannten Meisterringe über die Finger zieht. Gatte Anschutz, der milliardenschwere Mäzen des Berliner Klubs, schaut angespannt zu – im gellenden Pfeifkonzert der Fans. Denn wenn Nancy Anschutz am Sonntag vor dem Heimspiel gegen die Straubing Tigers zur ihrer Prozedur ansetzt, könnten die Berliner, sollten sie zuvor am Freitag ihr Auswärtsspiel bei den Augsburger Panthern verloren haben, als Tabellenletzter antreten.

Es wäre der größtmögliche Absturz für die Eisbären, die auf dem Wege sind, ihr Markenzeichen zu verlieren. Sie waren mit sieben Meistertiteln in neun Jahren ein Berlin, das fast immer gewinnt. Nun haben sie eine Mannschaft, die fast immer verliert. Und das überrascht sie. Dabei ließ sich die Misere nach dem Abgang des sechs Jahre lang in Berlin erfolgreichen Trainers Don Jackson erahnen. Die Frage, ob sich eine in den vergangenen elf Jahren unter nur zwei Trainern, den guten Freunden Pierre Pagé und Don Jackson, erfolgreiche Mannschaft ad hoc erfolgreich weiterbetreuen lässt, wollte Jeff Tomlinson positiv beantworten. Das war ein Fehler.

Der neue Mann hinter der Bande hat sich zum Amtsantritt das Trainerleben schwer gemacht, als er sagte, dass er nach zehn Spielen an seiner Arbeit gemessen werden dürfe. Dann, so Tomlinsons Anspruch, müssten die Berliner 18 Punkte auf dem Konto haben. Das Etappenziel wird klar verfehlt, da hilft auch kein Sieg am Freitag in Spiel zehn in Augsburg: Die Berliner haben nur acht Punkte, sind Vorletzter mit 18 Punkten Rückstand auf Tabellenführer Nürnberg.

Das ist ein Erdrutsch für Deutschlands seit Jahren erfolgreichstes Team und, klar, der Hauptverantwortliche für den Absturz muss der neue Trainer sein. Das ist aber nur zum Teil richtig. Tomlinson arbeitet so, wie er arbeiten will und kann. Akribisch, mit viel Videostudium, mit taktischen Umstellungen und Einzelgesprächen mit Spielern. Der kleine, wortgewandte junge Kanadier, der nur zweieinhalb Jahre Erfahrung als Cheftrainer in Düsseldorf und Nürnberg gesammelt hat, operiert ganz anders als sein älterer und erfahrener Vorgänger. Der baumlange Jackson hat erfolgreiches Hurra-Eishockey spielen lassen, sich nicht mit langen Kabinenansprachen aufgehalten. Jackson hatte Präsenz, unausgesprochene Autorität. „In den Kopf des Trainers konnte von uns keiner schauen“, sagt Mannschaftskapitän André Rankel. Es war eine Stärke Jacksons. Während Tomlinson, einst Nachwuchs- und Co-Trainer im Klub, allen Spielern als Kumpeltyp bekannt war. Seinen Spitznamen „Tommer“ ist er als Cheftrainer noch nicht losgeworden.

Die Eisbären hätten wissen können, welchen Weg sie mit Tomlinson gehen werden müssen. Ein harter Old-Schooler der Marke Jackson hätte es womöglich einfacher gehabt als neuer Trainer in Berlin – mit einer Mannschaft, die seit Jahren im Kern dieselbe ist. Ein Team, in dem vieles eingefahren ist, in dem Hierarchien festgewachsen sind. Aber mit wem, sagt Manager Peter John Lee fast verzweifelt, hätte man den Erfolg zuverlässig halten können? „Es gibt kaum einen Trainer wie Don Jackson, der drei Mal in Folge Meister wird. Und wenn jemand das schafft, dann ist er am Ende durch.“ Verbraucht sei am Ende in Berlin selbst Jackson gewesen, die Mannschaft auch. Die beiden jüngsten Meistertitel hatte sie mehr mit Ach und Krach als mit Glanz gewonnen.

Der Manager fühlt sich zurückgeworfen in die Zeit „um 2003“, als Trainer Pagé bei den Eisbären Aufbauarbeit leistete, als das Erfolgsprojekt am Anfang stand. „Auch jetzt haben wir eine ganz junge Mannschaft, die wachsen muss“, sagt er. Allerdings hatten die einst jungen Spieler, die wie Rankel oder Frank Hördler zu den Chefs der Mannschaft herangewachsen sind, eine andere Qualität als die jungen Spieler der Eisbären heute. Das ist eine technische Erklärung für den neuen Misserfolg. Lee kennt noch viele andere. „Ich kann an 200 Statistiken erklären, warum es nicht läuft bei uns in den Spielen. Aber das nützt nichts, so lange wir keine Lösung finden.“ Selbstfindung sei nun wichtiger als Taktik, sagt Lee.

Nun reden sie also seit Tagen. Der Trainer und der Manager, mit den Spielern. „Meist drehen sich die Gespräche nicht um Eishockey, wir versuchen uns den Menschen zu nähern. Die sind ja alle keine Roboter.“ Kurzfristig, sagt Lee, seien die sportlichen Probleme womöglich nicht zu lösen. Aber um sich langfristig eine Chance zu erhalten, dürfe keiner in Panik verfallen und alles infrage stellen. So eine Situation habe es vor zehn Jahren unter Trainer Pagé schon mal gegeben. „Der wollte die halbe Mannschaft rausschmeißen.“ Das habe er nicht mitgemacht.

2003 spielten die Eisbären noch im kleinen Wellblechpalast vor treuer Anhängerschar und nicht in der Arena am Ostbahnhof vor viel Publikum. Seit fünf Jahren pendelt der Zuschauerschnitt im neuen Haus um die 14 000er-Marke pro Spiel. Bisher kaufte sich der Fan ein Ticket mit Sieggarantie, aber wer will sich auf Dauer zuverlässig Niederlagen anschauen? Natürlich auch nicht Eigner Anschutz. „Dem werde ich die Probleme am Sonntag schildern“, sagt Lee. Zumindestens kann sich Anschutz dann nicht wundern, wenn die Stimmung nicht mehr so gut ist wie im vergangenen Jahr, als seine Gattin auch schon Ringe an die Spieler verteilte.

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