Sport : Eisbären: Japanischer Meister

Claus Vetter

"Japanischer Meister" oder doch in die Play-offs der Deutschen Eishockey-Liga (DEL)? Nach dem momentanen Stand der Dinge wohl weder das eine noch das andere, denn das bisherige Abschneiden der Eisbären verleitet im Sportforum Hohenschönhausen niemand zur Euphorie. Die Berliner hatten ein relativ leichtes Programm zum Saisonauftakt und stehen trotzdem nach neun Spielen - wie am Ende der Vorsaison - nur auf Platz 13. Das ist wenig für einen Klub, der vor ein paar Wochen noch sehr hohe Ziele angab und wo Trainer Glen Williamson gar behauptete, das nach dem Erreichen der Play-offs "alles möglich" sei.

Die Eisbären-Anhänger haben erkannt, das die bisherigen Leistungen hinter den Ansprüchen hinterherhinken. Im Umfeld des Klubs macht sich Zynismus breit: Die Fans singen - in Anspielung auf eine Trainerstation von Williamson - von der japanischen Meisterschaft. Das Eisbären-Fanzine, der "Eis-Dynamo", behauptet gar, dass "das Maximale der Gefühle" eine Wiederholung des "Erfolges" aus dem Vorjahr sei. Bei der Klub-Führung nimmt man den Missmut der Anhänger zur Kenntnis. "Aber du kannst nicht jeder Stimmung nachgehen", sagt Sprecher Moritz Hillebrand, "wir müssen die Nerven behalten." Außerdem sei es ja nicht so, dass man sich angesichts des Auftretens der Mannschaft keine Gedanken mache, ergänzt Martin Müller, der Generalbevollmächtigte. "So ein Spiel wie das 1:4 gegen Augsburg am Sonntag, das tut mir mindestens genauso weh wie jedem Fan."

Man habe eben mit einer überhöhten Erwartungshaltung zu kämpfen, meint Müller, sei vielleicht auch zu naiv in die Spielzeit gegangen. "Viele hatten die zurückliegende Saison abgehakt, dachten nur an das, was vorher war. Aber man darf nicht vergessen, dass wir viele Altlasten übernehmen mussten." Und damit sind einige Spieler mit langfristigen Kontrakten gemeint. Gerade im personellen Bereich haben die Berliner kräftig sparen müssen, der Spieler-Etat wurde um eine Million Mark zurückgefahren. "Da musst du mit dem Geld jonglieren", sagt Müller, "da kannst du nicht alle Spieler, die laufende Verträge haben, ausbezahlen."

Die Zeiten, als die Eisbären die Liga-Konkurrenz erschrecken konnten, scheinen vorerst Geschichte zu sein. Die Gründe dafür liegen nahe. Nach dem Bosman-Urteil gingen die Hohenschönhausener vor der Saison 1996/1997 als einer der ersten deutschen Klubs auf große Einkaufstour. Es wurden hier zu Lande unbekannte Kanadier aus Ligen unterhalb der nordamerikanischen Profiliga NHL verpflichtet. Zudem kamen viele Akteure, die in Italien gespielt hatten.

Aus dem Vorletzten von 1996 wurde nach dem Facelifting 1997 ein Halbfinalteilnehmer, eine Saison später ging die Reise sogar bis ins Finale. Inzwischen hat die Konkurrenz allerdings nicht nur nachgezogen, sondern ist einen Schritt weiter. Viele der seinerzeit in der DEL beschäftigten Ausländer sind nicht mehr in der Liga zu finden, manch zweitklassiger Kanadier musste seinen Arbeitsplatz für einen besseren Landsmann oder erstklassigen Schweden räumen.

Bei den Eisbären sind hingegen immer noch viele Akteure aus der ersten Saison nach Bosman beschäftigt. Ein genereller Fehler sei zu Saisonbeginn gewesen, dass man den Anhängern nicht vermittelt habe, dass man sich in "einer Art Prozess" befinde, glaubt Müller. "Wir haben nur einen Teil der Mannschaft so hinbekommen, wie wir das wollten." Kritik an der Einkaufspolitik von Manager Peter-John Lee hält Müller in diesem Zusammenhang für unberechtigt. Zumindest die Zugänge Hicks, Walker, Merk und Hinterstocker hätten sich schon als Verstärkungen erwiesen.

Trotz der derzeitigen Misere, ganz so früh möchte man sich beim EHC nicht von höheren Zielen verabschieden. Er sei nicht vom "Dritten zum Dreizehnten gewechselt", meint etwa der aus Krefeld gekommene Verteidiger Martin Lindman, sondern zu einem Klub, "der eine große Vergangenheit hat und große Ambitionen in der Zukunft". Auch Martin Müller glaubt noch nicht an die im "Eis-Dynamo" postulierten Erfolgsaussichten. Von wegen Dreizehnter: "Unser Ziel bleiben die Play-offs, noch sind wir im Rennen." Dass die Fans ihn in den kommenden Wochen an dieser Aussage messen könnten, damit muss er leben. Das weiß der Generalbevollmächtigte.

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