Eisbären nach dem Aus : Zu viel Familie, zu wenig Ideen

Die Eisbären müssen aus einer verlorenen Saison lernen, um wieder gewinnen zu können: Doch der Weg zu dieser Erkenntnis ist lang.

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Schwer aus dem Anzug zu schütteln. Auf Trainer Jeff Tomlinson (hinten) kommt viel Arbeit zu.
Schwer aus dem Anzug zu schütteln. Auf Trainer Jeff Tomlinson (hinten) kommt viel Arbeit zu.Foto: Imago

Ein Schuss, ein Tor, alles vorbei. Die Spieler der Eisbären schüttelten zum Saisonabschied die Hände des Gegners aus Ingolstadt. Und als die Zuschauerscharen in der Arena am Ostbahnhof schon zur Flucht ansetzten, sagte der Stadionsprecher noch: „Wir sehen uns wieder im August mit der Champions League.“ Und dann ging es in fast fünf Monate Sommerpause. Wenn am Sonntag in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) die Play-offs beginnen, dann darf der siebenmalige Meister der vergangenen neun Jahre nicht mehr mitspielen.

Für Jeff Tomlinson war der Augenblick, als der Schuss des Ingolstädters Benedikt Schopper ins Berliner Netz krachte, die „schlimmste Situation, die ich je in meiner Karriere erlebt habe“. Verlängerung im Eishockey, besonders in den Play-offs, im alles entscheidenden Spiel – das ist Überlebenskampf. Ein Nervenspiel, wie es die Eisbären in den jüngsten Jahren unter ihrem einstigen Trainer Don Jackson zu lieben schienen und das sie fast immer gewannen. Doch am Freitag war es anders: Da zitterten sich die Berliner beim 2:2 gegen den ERC Ingolstadt in die Verlängerung, und dort gab es dann den Abschuss zum Abschluss einer Saison, die die Eisbären nicht erst mit dem 2:3 im finalen Spiel einer Pre-play-off-Serie mit drei wenig schönen Spielen verloren haben: Ihre Siegermentalität und damit die Saison hatten sie schon im vergangenen Herbst verloren, als sich Niederlage an Niederlage reihte und Jeff Tomlinson um Erklärungen rang. Entschuldigungen hatte der Nachfolger von Jackson viele. Oft waren es viele Verletzte, nicht vorhandene Kadertiefe oder Schwierigkeiten bei der Umstellung des Spielsystems.

Tomlinson wollte defensiver spielen lassen, hatte zu viele Gegentore und spielerische Unvorsicht bei seinem Personal festgestellt: Erfolgverwöhnte Spieler, die sich nicht mehr aufopfern wollten. Und Tomlinson traute sich nicht, die ganze Wahrheit laut vor sich herzutragen. Schließlich hatte er als vergleichsweise unerfahrener Trainer beim Meister einen Zwei-Jahres-Vertrag ergattert. Dabei hätte er monieren können, dass fast alle Neuverpflichtungen das Team aufgrund mangelnder Qualität nicht weiterbringen konnten. Aber bis dahin traute er sich nicht – im Gegenteil: Als sich die Berliner mit einem Schlussspurt in der Hauptrunde doch noch in die Pre-Play-offs retteten, sprach ihr Trainer davon, „dass sich die Gegner nun wieder vor den Eisbären fürchten“. Eine realitätsferne Aussage, bezeichnend aber für die Parallelwelt, in die die Eisbären mitunter abdriften. „Die Mannschaft ist gut“, sagte Kapitän André Rankel am Freitag trotzig. Nur habe der Matchplan gegen Ingolstadt nicht gestimmt. „Und dann sind wir alle unter unseren Möglichkeiten geblieben, ich auch.“

Jeff Tomlinson konnte sich zwar auch nicht so schlüssig erklären, warum der Gegner aus Bayern in den entscheidenden Saisonspielen körperlich agiler war als seine Mannschaft, wollte aber die Alleinschuld für das Desaster, das den Eisbären erstmals seit 2007 die Teilnahme an den Play-offs verwehrte, auch nicht auf sich nehmen. Natürlich, den Trainer treffe „eine Mitschuld“, sagte er. „Aber wir sind hier alle eine Familie.“

Klar, der Familientrick. Wer feuert schon seine Familienmitglieder? Macht ja keiner. Seinen Job sehe er nicht in Gefahr, sagte Tomlinson lapidar. Und da liegt die Crux bei den Eisbären: Es muss sich nach der verlorenen Saison etwas ändern, aber es wird sich schwerlich etwas ändern lassen mit der Mentalität, mit der der Klub seit einem Jahrzehnt erfolgreich geführt wurde: Seit 2002 haben die Berliner keinen Trainer mehr gefeuert, familiärer Zusammenhalt wird bei den Eisbären groß- geschrieben. Die Verträge mit den einstigen deutschen Talenten wie Frank Hördler oder André Rankel haben lange Laufzeiten – so lange Laufzeiten, dass sich ein Spieler wie Florian Busch schon drauf auszuruhen scheint.

Die Eisbären müssen ihre Mannschaft neu aufbauen, müssen sich umstrukturieren, um wieder oben angreifen zu können. Das Gerede vom FC Bayern des Eishockeys war immer unsinnig. Die Münchner Fußballer haben Millionen mehr zur Verfügung als die Konkurrenz. In der DEL sind die Eisbären nicht Krösus, liegen die Unterschiede oft nicht im Geld, sondern im Geschick, es richtig anzulegen.

Die schwache Saison könnte für den abgestürzten deutschen Eishockeymeister nicht nur ein Atemholen zwischen den Erfolgen gewesen sein: Es ist wahrscheinlich, dass der Strich von einem Schuss von Benedikt Schopper auch der Schlussstrich unter ein erfolgreiches Kapitel des Berliner Profisports war.

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