Eisbären-Profis Tallackson und Sharrow : Zwei Amerikaner in Berlin

Sie essen mittags Sandwich und vermeiden es, Deutsch zu sprechen: Wie zwei Eisbären-Profis aus den USA in Berlin leben.

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Ohne Ausrüstung unterm Fernsehturm. Jimmy Sharrow (li.) und Barry Tallackson. Viele US-Amerikaner würden ihren Heimatort ein Leben lang nicht verlassen, sagt Sharrow. „Wir haben das Privileg, das wir weit herumkommen in der Welt.“
Ohne Ausrüstung unterm Fernsehturm. Jimmy Sharrow (li.) und Barry Tallackson. Viele US-Amerikaner würden ihren Heimatort ein Leben...Foto: Davids

Barry Tallackson und Jimmy Sharrow sitzen vor ihrer Cola, ihnen gegenüber in diesem Lokal in der Rosenthaler Straße prangt ein Schild mit der Aufschrift: „Please order here“. Das morgendliche Training haben die beiden Profis der Eisbären hinter sich, zum Mittagessen gab es Sandwichs. „Die schmecken hier fast wie zu Hause“, sagt Sharrow. Das Zuhause, die Vereinigten Staaten von Amerika, ist weit weg. Sharrow blickt durchs Fenster: „Winter in Berlin, das ist eine graue Sache. Es ist wie in Seattle. Die Menschen hassen es, dort im Winter zu leben.“

Genau wie hier. Tallackson und Sharrow krümmen sich auf ihren Barhockern. Sie sagen: „Wir haben Zeit.“ Eine langsame Szene, die sich mühelos in einen Jim- Jarmusch-Film aus den Achtzigerjahren hineindenken ließe. Zwei Amerikaner in Berlin, Tallackson, Vollbart, Sharrow, Kurzhaarfrisur, haben jede Menge Ruhe. Weil in Berlin keiner umherhetzt, wie sie finden. Alles sei langsamer als in den USA, nicht in Quentin-Tarantino-Geschwindigkeit. Und doch nordamerikanisch. Tallackson und Sharrow sind gerne in ihrem Berlin. Zwischen Eisstadion, Hardrock-Café und Checkpoint Charlie leben die beiden Eishockeyprofis aus den USA. In einer Stadt, deren Sprache sie nicht sprechen.

Um wie heute im Viertelfinale der Play-offs erfolgreich zu spielen, brauchen die Eisbären die Dienste ausländischer Profis. Beliebt sind vor allem Nordamerikaner, sie gelten als gut ausgebildet, leicht integrierbar und professionell. Spieler wie Tallackson und Sharrow. Sie sind nicht unbedingt die Stars der Mannschaft, gehören aber auf jeden Fall zu den Leistungsträgern. Oft gefeiert von 14  000 Menschen in der Arena am Ostbahnhof, wenn sie ihre Rüstung über das Eis tragen. Ohne Verkleidung sind sie junge Menschen in Turnschuhen und Schlabberjacken. „Uns erkennt kaum jemand auf der Straße“, sagt Sharrow. „Die Leute halten uns meistens für amerikanische Touristen. Die Eisbären werden eher als Ganzes wahrgenommen und nicht über einzelne Spieler.“ Aber die Eisbären seien ein guter Verein, sagt Tallackson. „Die kümmern sich um alles. Wohnung, Auto, Telefon. Das macht mein Leben unkompliziert.“ Und Geld gibt es auch zu verdienen. Genug, um sich etwas beiseite zu legen für die Zeit nach der Karriere.

Tallackson stammt aus dem Bundesstaat Minnesota, Sharrow aus Framingham in Massachusetts. Seit knapp drei Jahren arbeiten sie in Deutschland. Die Heimat sehen sie nur im Sommer, maximal für drei Monate, sagt Barry Tallackson. Als er anfing mit dem Eishockey hatte er andere Karrierepläne. Natürlich wollte er Profi in der National Hockey-League (NHL) werden und er hatte das auch geschafft. Allerdings reichte es nur zu 20 Einsätzen für die New Jersey Devils. Also ging er eben nach Europa, zunächst nach Augsburg und ein Jahr später nach Berlin. Es war die richtige Entscheidung, sagt der 29 Jahre alte Stürmer.

Jimmy Sharrow hatte Anlaufschwierigkeiten, als er 2010 nach Berlin kam. „Nach einem Monat wollte ich weg. Alles war kaputt, ich hatte kein Bankkonto, kein Telefon, mein Internet tat es nicht.“ Mit seinem ersten Berlin-Domizil in Hohenschönhausen wurde er nicht warm. „Die Leute dort waren nicht sehr freundlich, die haben mich im Treppenhaus nicht mal gegrüßt.“ Nun wohnen die beiden unverheirateten Männer in der Nähe des Checkpoint Charlie. Da sprächen viele Englisch. Deutsch? „Viel zu kompliziert“, sagt Sharrow, „aber wir kennen ein paar Wörter, die für den alltäglichen Gebrauch nötig sind.“

Im Eishockey ist Englisch die wichtigste Sprache. Allerdings will bei den Eisbären nicht immer jeder Englisch sprechen. „Wenn ich beim Mannschaftsessen sehe, dass in einer Ecke drei Jungs Deutsch sprechen und in einer anderen drei Englisch, setze ich mich natürlich zu denen, die Englisch reden“, sagt Sharrow.

Privat bleiben die Nordamerikaner bei den Eisbären sowieso meist unter sich. Ihre Lebenssituation verbindet. Berlin ist eine gute Adresse bei nordamerikanischen Profis. „Ein Freund von mir hat in Pardubice in Tschechien gespielt“, erzählt Sharrow. „Als ich ihm ein Bild von der O2–World gezeigt habe, wollte der mir kaum glauben, dass wir in so einer modernen Riesenarena spielen. Dann habe ich ihm erzählt, dass es in Berlin Pizza Hut und Starbucks gibt. Der kam aus dem Staunen nicht heraus.“

Pizza Hut, Starbucks und das Hard Rock Café – das sind aus der Heimat bekannte Fixpunkte für die beiden. Was hat Berlin sonst noch zu bieten? „Viel Kultur“, sagt Tallackson. Zum Beispiel? „Die Mauer.“ Jimmy Sharrow grinst: „Mein Vater kennt sich da aus, der ruft mich dauernd an und sagt: ,Junge, weißt du überhaupt, was bei dir alles in der Nähe ist?’“ Ansonsten ist die Wahrnehmung deutscher Kultur bei den Eishockeyprofis eher auf Kulinarisches beschränkt. Das Weizenbier sei unglaublich gut, sagen sie. Und in den Berliner Biergärten fühlten sie sich sehr wohl.

Vor knapp 50 Jahren hat John F. Kennedy am Rathaus Schöneberg seinen berühmten Satz gesprochen. Nie davon gehört, sagt Barry Tallackson. Aber von Ronald Reagan hat er gehört und kennt dessen Aufforderung an Gorbatschow, die Mauer zu öffnen. „Ist Reagan in Berlin auch so beliebt wie Kennedy?“, fragt Tallackson und grinst. „Reagan hat ja geglaubt, dass er die Mauer zum Einstürzen gebracht hat.“ Ansonsten ist Deutschlands jüngere Historie für beide ein fremdes Thema. „Bevor ich kam, hatte ich über Deutschland nur im Zusammenhang mit den Weltkriegen gehört“, sagt Sharrow.

Deutschland ist klein, geografisch gesehen. Zwischen Tallacksons Heimat in Massachusetts und der Bostoner Vorstadt Framingham, dem Geburtsort von Sharrow, liegen über 2000 Kilometer. „In den USA haben wir eine spezielle Identifikation mit unser Heimat“, glaubt Sharrow. Das Land halte zusammen in Krisenzeiten, ansonsten ist es weit auseinander. „Ich stelle das immer fest, wenn einer unserer kanadischen Kollegen bei den Eisbären ankommt und mir stolz erzählt: ,Hey, hast du schon gehört: Unser Schwimmer hat Gold gewonnen.’“ So was gäbe es in den USA nicht, der Stolz auf die eigene Nation definiere sich selten über Erfolge im Sport. „Nationalitäten spielen eine kleine Rolle bei uns“, sagt Tallackson. „Nehmen wir doch mal den Christian Ehrhoff. Der ist ein Spitzenverteidiger in der NHL. Aber kaum jemand weiß, dass der aus Deutschland kommt. In Kategorie eins ist er für die Leute Eishockeyprofi. In Kategorie zwei Europäer. Und in Kategorie drei vielleicht Deutscher. Aber bis dahin denkt kein Mensch.“

Tallackson sagt, manchmal habe er Heimweh. „Thanksgiving und Weihnachten zum Beispiel.“ Berlin ist eben doch nicht immer Amerika. Und das mit der Sprache sei ihm auch schon mal peinlich. Jimmy Sharrow lacht und sagt: „Wenn du die deutsche Sprache vermeiden willst, dann kannst du sie vermeiden. Aber wir gehen auch in deutsche Lokale am Hackeschen Markt oder in das Hofbräuhaus.“

Sie sind sich einig, dass nach der Karriere etwas bleiben wird von Deutschland. Zumindest vom Frühstück, findet Sharrow. „Butterbrot und nicht Würstchen und Eier. Das nehme ich später bestimmt mit nach Hause.“ Aber bis dahin ist noch Zeit. Der Verteidiger ist erst 28. Jimmy Sharrow sagt: „Ich würde Berlin nicht eintauschen wollen als Eishockeyprofi.“ Sein Berlin meint er natürlich.

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