Eisbären-Urgestein Hartmut Nickel : Papa ist immer noch süchtig

Fast 50 Jahre ist Hartmut Nickel bei den Berlinern – geht es nach ihm, kann der Abschied noch warten. Und auch über die siebte Meisterschaft freut sich der 68-Jährige wie ein kleines Kind.

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Ein Leben für einen Klub. Hartmut Nickel, der ewige Eisbär. Foto: dpa Foto: picture alliance / Sport Moments
Ein Leben für einen Klub. Hartmut Nickel, der ewige Eisbär. Foto: dpaFoto: picture alliance / Sport Moments

Sein Gesicht färbt sich immer noch tiefrot, wenn er sich aufregt. Und seine Augen werden immer noch nass, wenn ihn etwas besonders rührt. Beides passiert nicht gerade selten. Das hat der Weg zur erneuten Meisterschaft seiner Mannschaft gerade erst wieder gezeigt. Erstaunlich ist es aber schon, hat Hartmut Nickel doch schon alles erlebt, was sein Sport an Absurditäten, Erfolgen und Krisen zu bieten hat. Fast ein halbes Jahrhundert ist er nun schon dabei. Spieler sind gegangen und Trainer, Hartmut Nickel ist über all die Jahre geblieben – genau wie seine Leidenschaft fürs Eishockey. Er glaubt auch nicht, dass sich das in diesem Leben noch einmal ändern wird.

Das muss man wissen, um zu verstehen, warum sich der 68 Jahre alte Kotrainer auch über den nunmehr siebten Titel der Eisbären freut wie ein kleines Kind. Warum er seine Profis nach dem großen Triumph so innig herzt und knuddelt. „Kaum jemand hatte doch damit gerechnet, dass wir überhaupt wieder ins Finale einziehen“, sagt Nickel. „Aber unsere jungen Burschen haben es allen gezeigt.“ Seine jungen Burschen meint er. Denn die Karriere von so wichtigen Spielern wie André Rankel, Jens Baxmann und Frank Hördler hat er von Beginn an begleitet. „Den Baxi kannte ich ja schon, als der fast noch Windeln trug.“

Als Hartmut Nickel noch Windeln trug, lebte er in Weißwasser. Dort lernte er Schlittschuhlaufen und wechselte, weil er sich dabei nicht ganz schlecht anstellte, mit 19 Jahren dann vom SC Dynamo aus der Lausitz zum SC Dynamo nach Berlin – so hießen die Eisbären damals. Zwischendurch, nachdem er die Möglichkeiten dazu hatte, verirrte sich Nickel einmal kurz nach Hannover, sonst aber arbeitete er immer nur bei den Berlinern. Er war Spieler, Trainer, Assistent und im Management tätig. Wofür er heute zuständig ist, lässt sich schwer eingrenzen. Er organisiert die Reisen für seinen Klub, er gestaltet die Eiszeiten und ist für den Berliner Nachwuchs da. Hartmut Nickel ist aber auch der Mann für die markigen Sprüche und für die Anekdoten. In der ganzen Liga kommt er mit seiner Kompetenz und der ulkigen Art an.

Es ist im Sport eben eine Seltenheit geworden, dass ein Mensch sein ganzes Leben einem Verein widmet. Vielleicht wirkt Nickel auch deshalb so authentisch und vertrauenswürdig. „Papa Eisbär“ nennt er sich selbst gerne, weil die Berliner Spieler zum Reden gerne mal bei ihm vorbei kommen und „ich natürlich ein gutes Wort für sie habe, wenn es mal nicht so läuft“. In der jüngeren Vergangenheit ist es in aller Regel gut für die Eisbären gelaufen, sie haben drei Meisterschaften in Serie gewonnen. Das ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass der Verein einst kurz vor dem K. o. stand.

15 Mal wurden die Berliner in der DDR Meister, aber da bestand die Liga die meiste Zeit auch nur aus zwei Teams. Danach hatten sie es schwer, sich zu halten und benötigten schon die Hilfe eines reichen US-Amerikaners. Dass der Klub aus dem tiefsten Berliner Osten es danach allen zeigte und 2005 erstmals die gesamtdeutsche Meistertrophäe gewann, bezeichnet Nickel als den größten Moment seiner Karriere. Bis heute wird er immer wieder mit einem Satz zitiert, den er danach freudetrunken sprach: „Wir roten Socken haben dieses Teil. Das ist wirklich eine unglaubliche Geschichte.“ Doch wie lange wird sie noch gehen, diese einmalige Sportgeschichte mit ihm?

Hartmut Nickels Gesundheit hat zuletzt nicht immer bestens mitgespielt. Vor zwei Jahren fehlte er lange wegen einer Herzerkrankung, auch zu Beginn dieses Jahres musste er operiert werden. Irgendwann, so hat er es einmal erzählt, wolle zusammen mit dem anderen ewigen Eisbären, Sven Felski, aufhören. Der hat seine aktive Karriere bei den Berlinern allerdings inzwischen ebenso beendet wie Nickels andere Bezugsperson Stefan Ustorf. Ob der 68-Jährige trotzdem weitermacht, weiß er noch nicht. Das müsse das Management entscheiden, findet er. „Was ich sagen kann, ist, dass es mich immer noch fasziniert und reizt wie früher. Es ist wie eine Sucht.“

Ginge es nur nach Hartmut Nickel, fiebert er auch im nächsten Jahr hinter der Bande.


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