Eisbären vor der Serie gegen Straubing : Ausbildungsland Bayern

50 Prozent der deutschen DEL-Spieler stammen aus dem südlichen Bundesland. Kein Eishockeyklub kommt ohne sie aus.

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Allgäuer in Niederbayern. Der Straubinger Profi Sebastian Osterloh stammt aus Kaufbeuren.
Allgäuer in Niederbayern. Der Straubinger Profi Sebastian Osterloh stammt aus Kaufbeuren.Foto: dpa

In Straubing ist die Eishockeywelt noch so, wie sie andernorts in der höchsten deutschen Spielklasse längst nicht mehr ist. Im Winter werden in der rüstigen Eishalle der niederbayrischen Kleinstadt Wolldecken auf die Strafbänke gelegt, damit die Spieler nicht frieren. Im neuen Zeitalter der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) tragen riesige Multifunktionsarenen sperrige Sponsorentitel, da ist das Staubinger Stadion nicht nur wegen seines Namens eine charmante Ausnahme. Im Stadion am Pulverturm riecht es nach Eishockey, so wie in vielen einstigen bayrischen Hochburgen der Sportart.

Dabei sind die Straubing Tigers kein typischer bayrischer Eishockeyklub. Das haben sie mit den vier anderen Vereinen gemeinsam, die in den jüngsten Jahren die DEL für Bayern zurückgewonnen haben: Die Nürnberg Ice Tigers kommen aus Franken, die Augsburger Panther aus Schwaben und der ERC Ingolstadt ist mit einem millionenschweren Mäzen ebenso Retorte wie der vor einigen Jahren gegründete EHC München. Die Eishockeytradition Bayerns, die ist in Tölz, Landshut, Garmisch, Füssen oder Rosenheim zuhause. Erfolge allerdings werden in Bayern anderswo gefeiert – dieses Jahr in Straubing, wo die Tigers in ihrem sechsten DEL-Jahr zum ersten Mal im Halbfinale stehen und ab Donnerstag den Meister EHC Eisbären in der „Best-of-five“-Serie herausfordern.

Für den derzeit einzigen Bayern im Berliner Team ist es kein Duell Bayern gegen Berlin. „In Straubing ist das Eis gut“, sagt Angreifer Florian Busch. „Aber das ist Niederbayern, ich komme vom Tegernsee.“ Nachwuchseishockey werde anderswo in Bayern ernsthafter gespielt als in Straubing. Bernie Englbrecht, Co-Trainer der Tigers, weiß das. Der gestandene Oberbayer, einst in der Bundesliga beim EV Landshut im Tor, sagt, der Zustand der Jugendarbeit in Straubing sei ungenügend. Es werde jetzt zwar mit einem hauptamtlichen Nachwuchstrainer etwas aufgebaut, aber: „Wir müssen ganz von vorn anfangen, und das braucht sechs bis sieben Jahre, bis da mal etwas nachkommt.“ Zurzeit helfen sich die Straubinger mit ihrem Kooperationspartner EV Regensburg, vom Zweitligisten kommen junge Spieler. Neun Bayern haben die Tigers im Kader – keiner von ihnen ist aus Straubing.

Bayerns Traditionsvereine sind zu Ausbildungsklubs mutiert. Auch Englbrecht sieht das so, schließlich fehlten ihnen die finanziellen Mittel, um in der DEL zu spielen. „Daher werden die auch in Zukunft immer mit DEL-Vereinen arbeiten und Zulieferer sein. Sie werden Leute ausbilden, die dann dort hingehen.“ Ausbildungsentschädigungen gibt es kaum. Engelbrecht sagt: „Die Spieler können kostenfrei irgendwo hingehen, auch wenn sie die Vereine, die sie ausgebildet haben, Unmengen von Geld gekostet haben.“ Das sei ein substanzielles Problem, sagt Lorenz Funk. Der einstige Manager der Berliner Eisbären betreut inzwischen in seiner Heimat mit Sohn Florian die erste Mannschaft des EC Bad Tölz, die nun im Finale der Dritten Liga steht. Funk sagt: „Die bayrischen Traditionsvereine bluten irgendwann aus, wenn sie nicht mehr Kompensation für ihre Nachwuchsarbeit erhalten.“ Ernsthafte Nachwuchsarbeit werde außerhalb Bayerns nur in Mannheim und in Nordrhein-Westfalen betrieben. Auch bei den Eisbären liege da inzwischen einiges im Argen.

Die bayerischen Traditionsvereine spielen als Ausbilder für die gesamte DEL eine große Rolle. Von den 152 in Deutschland geborenen Spielern, die am Ende der Hauptrunde bei den 14 DEL-Teams unter Vertrag standen, begannen 74, also fast 50 Prozent, mit dem Eishockey in Bayern. Keine Mannschaft kam ohne Spieler mit bayrischen Wurzeln aus. Mit großem Abstand folgen Spieler gebürtig aus Baden-Württemberg (22 Spieler), Nordrhein-Westfalen (21) und Berlin (16).

Meistertitel werden im Profibereich aber regelmäßig außerhalb Bayerns gefeiert. Die letzte bayrische Mannschaft, die Meister werden konnte, waren die München Barons im Jahr 2000. Es war der einzige Titel, der seit Gründung der DEL 1994 nach Bayern ging. Die Chancen dafür, dass die Straubinger die zweite Meisterschaft nach Bayern holen, sind eher mittelprächtig. Die Eisbären sind klarer Favorit. Dass sie mit vielen Bayern gegen eine bayrische Mannschaft spielen, müssen sie sich übrigens nicht nachsagen lassen, so gesehen steht es unentschieden: Busch ist der einzige Bayer bei den Eisbären und in Straubing steht mit René Röthke ein echter Berliner im Aufgebot.

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