Sport : Eisen ist für sie ein Leichtmetall

Christina Schwanitz ist die starke Frau der deutschen Leichtathletik – auch bei der Hallen-WM in Valencia

Susanne Rohlfing[Valencia]

Christina Schwanitz fällt auf. Weil sie eine imposante Erscheinung ist, weil sie gern laut und oft lacht. Das stört die 22-Jährige vom SV Neckarsulm nicht weiter. Sie will auffallen. Allerdings am liebsten durch Leistung. Am Samstag ist ihr das gelungen. Sie war die erste Kugelstoßerin, welche die Qualifikation bei den Hallen-Weltmeisterschaften der Leichtathleten in Valencia abhakte. Sie kam, stieß und ging wieder. 18,45 Meter war die Marke, die es zu überbieten galt, Schwanitz stieß die Kugel in ihrem ersten Versuch bereits auf 18,97 Meter. Weiter kam nur Weltmeisterin Valerie Vili (19,72) aus Neuseeland. Denise Hinrichs vom TV Wattenscheid schaffte es mit 18,25 Metern als Neunte nicht ins Finale der besten Acht am Sonntag (16.05 Uhr).

Christina Schwanitz ist keine Kugelstoßerin vom Typ Astrid Kumbernuss. Sie ist weniger athletisch, dafür aber kräftiger. Man könnt sie auch dick nennen. Aber in erster Linie ist sie stark. Sie bewegt gerne Eisen. Der Kraftraum ist für Schwanitz keine Folterkammer, sondern ein Ort, an dem sie gerne „richtig Gas“ gibt. Das konnte Schwanitz jedoch zwei Jahre lang nur sehr bedingt tun. Das hat auch mit dem Piepen zu tun. Bei jeder Sicherheitskontrolle am Flughafen wird die Athletin in Diskussionen verwickelt, weil mehrere Schrauben in ihren Füßen den Metalldetektor reagieren lassen. „Einfach kann ja jeder“, so beschreibt sie lapidar ihre Ärzte-Odyssee in den Jahren 2006 und 2007. Hallux Valgus, also eine Schiefstellung des großen Zehs, lautete zu Beginn die recht gängige Diagnose. Fünf Operationen später war alle Normalität verloren gegangen. Aber die gebürtige Dresdnerin ist eine Frohnatur. Sie sagt: „Jeder Tag, an dem ich nicht lache, ist ein verlorener Tag.“

Also lacht sie lieber mehr als weniger. Es ist ein dunkles, raues Lachen, das irgendwo aus den Tiefen ihres massigen Körpers kommt. Was Schwanitz hin und wieder über sich selbst sagt, jagt vielen anderen Frauen einen Schauer über den Rücken. Zum Beispiel: „Ich sehe meinem Vater ziemlich ähnlich, noch ein Schnauzer dran und ein bisschen weniger Brust, dann passt das.“ Ob sie damit Probleme habe? „Nein, ich habe ein bisschen Selbstbewusstsein mitbekommen.“

Zum Kugelstoßen kam Schwanitz, weil sie schon stark war, bevor sie zum ersten Mal einen Kraftraum von innen gesehen hatte. „Ich hatte schon immer mehr Kraft als die Jungs“, sagt sie. Und als sie in der Schule mit dreizehn Jahren auch noch die Kugel drei Meter weiter stieß als diese Jungs, riet ihr ein Lehrer, doch mal in einem Leichtathletikverein vorbeizuschauen. Ihren ersten Wettkampf gewann Schwanitz daraufhin mit fünf Metern Vorsprung. Bis 2005 ging ihre Karriere steil bergauf. Sie erreichte Platz drei bei der Junioren-Weltmeisterschaft 2004, Rang zwei bei der U-23-EM 2005, und bei der WM 2005 in Helsinki landete sie mit 19 Jahren als jüngste Finalistin auf Platz neun. Dann kamen die Operationen. Und zwei harte Jahre.

Schließlich das Comeback. Ende Februar die Steigerung auf 19,68 Meter. „Pure Freude, ich liebe meinen Sport“, so lautet der Kommentar von Schwanitz zu ihrem Höhenflug. Und ihre Euphorie steigert sich zum Übermut: „Irgendwann will ich 23 Meter stoßen.“ Ohne Doping, geht das? Da doch alles über 21 Meter schon als verdächtig gilt, da die Weltrekorde seit 1977 bei 22,50 Meter in der Halle (Helena Fibingerowa/damalige Tschechoslowakei) und seit 1987 bei 22,63 Meter im Freien (Natalja Lisowskaja/damalige Sowjetunion) stehen und nicht zu den Bestmarken gehören, auf welche die Leichtathletik guten Gewissens stolz ist. „Ich gehe davon aus, dass das geht“, sagt Schwanitz, schließlich habe sie die nötigen körperlichen Voraussetzungen. Seit Ende Februar steht ihre Bestleistung bei 19,68 Metern. Diese Weite will sie in Valencia bestätigen.

Bei ihrem Flug nach Spanien wurde Christina Schwanitz übrigens zum ersten Mal seit langem nicht am Sicherheitscheck aufgehalten. Trotz des Piepens. Wer mag, könnte das als gutes Omen deuten.

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