Sport : Eisenfaust verhaut Elefantenkopf

Hartmut Scherzer

Es passierte in der elften, der ominösen Runde der Familie. Mit einer gestochenen Linken schlitzte Witali Klitschko die Haut unter der rechten Augenbraue Ross Purittys auf. "Stop boxing", schrie sofort der britische Ringrichter John Coyle, ließ den fünf Zentimeter langen Riss in der Ecke des Amerikaners untersuchen und weiterboxen. Nach dem folgenden Schlagwechsel brach er den Kampf wegen der Verletzung ab: Sieg durch Technischen K. o. nach 1:16 Minuten der elften Runde. In dieser Runde hatte Fritz Sdunek, der Trainer der ukrainischen Brüder, vor drei Jahren in deren Heimatstadt Kiew das Handtuch für Wladimir geworfen. Sieger durch Techischen K. o. in der elften Runde damals: Ross Puritty.

Die Familie brach nicht in Triumphgeheul aus. Vielmehr fühlte sich Witali Klitschko, der mit einer sportwissenschaftlichen Arbeit promovierte, berufen, sich noch im Ring bei den 12 000 Zuschauern in der Arena in Oberhausen für das unglückliche Ende zu entschuldigen. "In unserem Sport ist die Gesundheit das Wichtigste." Auch ohne den Abbruch hätte der 113 Kilo schwere 2,02-Meter-Mann diese Internationale Meisterschaft der WBA souverän gewonnen, seinen 30. Sieg im 31.Kampf gefeiert. Von "Rache des Bruders", so das Motto, wollte Wladimir nichts wissen. "Rache gehört nicht zum Sport." Aber eine gewisse Genugtuung sei ihm erlaubt: "Die Ehre der Familie ist wiederhergestellt."

Und wie er das angestellt hatte, ließ Wladimir voller Bewunderung zu Witali aufschauen: "Eine so gute Leistung habe ich von meinem Bruder noch nicht gesehen, vor allem nach den zwei schweren Verletzungen und der langen Pause. Ich habe einen Riesenrespekt vor ihm. Wieder einmal war Witali ein gutes Beispiel für mich." Denn der ältere Klitschko (30) hatte nicht den gleichen Fehler begangen wie der damals noch unerfahrene kleine Klitschko (25) und sich an dem "Elefantenkopf" (Wladimir) des 35-jährigen Routiniers aus Arizona müde geschlagen. "Ich hatte die Niederlage meines Bruders im Hinterkopf", bekannte Witali. "Der psychische Druck war enorm." Puritty baute sich wieder in der Ringmitte hinter einem Schutzschild aus Fäusten und Unterarmen auf. So sehr Witali Klitschko auch mit seinen langen staksigen Armen, vor allem mit dem linken Jab, nach Lücken stocherte und auf den Panzer eindrosch, er konnte ihn nicht knacken. Anfangs habe er noch zu hektisch auf die Deckung eingeprügelt, sich dann aber auf Finten verlegt, um sich nicht zu verausgaben. "Denn Puritty hat die besten Nehmerqualitäten der Welt." Der Amerikaner kühlte zwar auf der Pressekonferenz nebenan mit einem Eisbeutel seinen Brummschädel, meinte aber mit breitem Grinsen. "Ohne die Verletzung wäre der Kampf über die Runde gegangen. Witali hätte mich nie und nimmer k.-o.-geschlagen." Keiner seiner 45 Gegner hatte das geschafft. Nicht einmal auf den Ringboden hatte ihn einer niederstrecken können. Witali Klitschko, der immer wieder versuchte, mit einer schnellen Dreierkombination, linke, rechte Gerade, linker Aufwärtshaken, die Deckung Purittys herunterzuziehen, schien dreimal nahe dran. In der dritten Runde nach einer Schlagserie, in der achten nach einer krachenden Rechten und in der neunten Runde nach einem linken Konter, wackelte Puritty. Witali Klitschko blieb ruhig, weil er Puritty durchschaute: "Das war nur ein Trick." Denn in diesen Momenten schlug Puritty - und der 112,6-Kilo-Brocken hat auch nicht gerade Samtpfoten - sofort am heftigsten zurück. "Die Gefahr war immer da", sagte Wladimir an der Ringecke Witalis.

Nach dem Kampf ist vor dem Kampf. Beide - auch WBO-Champion Wladimir nach seiner Schulterverletzung - werden im Frühjahr wieder boxen. Natürlich nicht gegen Lennox Lewis oder Mike Tyson. "Aber wir sind auf dem Weg nach oben, um die ganz großen Kämpfe Ende nächsten Jahres zu machen", kündigte Klaus-Peter Kohl, der Manager der Klitschkos, an. Die Auflage des WBC, wonach der Sieger des Showdowns Lewis (36) gegen Tyson (35) den Titel gegen Witali Klitschko zu verteidigen habe, bestätige "unsere gute Position". Wladimir Klitschko ist sich da nicht so sicher. Er fürchtet, dass "die alten Herren" nach ihrem Duell "aufhören". Wenn nicht, prophezeit der junge Apoll, "dann werden wir sie in Rente schicken."

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