Sport : Eisern allein reicht nicht

Berlins Zweitligist Union braucht dringend Erfolg und Geld, um langfristig zu überleben

André Görke

Berlin. Fünf Minuten soll Heiner Bertram erhalten. Dann darf er sich wieder hinsetzen und schweigen. Fünf Minuten. Nicht länger.

Heiner Bertram ist jetzt normales Mitglied des 1. FC Union, das heißt: Er ist es seit fünf Wochen, seit jenem Abend, als der „Putsch“ vollzogen war. So nannte Bertram seine Entmachtung als Präsident beim Fußball-Zweitligisten und polterte: „Einer wird auf dem Schlachtfeld liegen bleiben.“ Dieser Satz ist auf dem besten Weg, eines der legendärsten Zitate aus der Ära Bertram zu werden. Man muss ihn so verstehen: Soll er nach sechs Jahren einfach gehen? Ohne Kommentar? Ohne Kampf? Wer in jenen Tagen seiner Entmachtung fragte, ob er denn jetzt Pensionär sei, bekam die knurrige Antwort: „Ich habe genug zu tun.“

Doch seit einer Woche ist das Getöse der Köpenicker Provinzposse beendet. Am Samstag wird die außerordentliche Mitgliederversammlung stattfinden, Bertram darf zwar fünf Minuten reden, und trotzdem gehen nur wenige davon aus, dass in den Mittagsstunden in der „Arena“ (Treptow) ein annähernd lautes Wortgefecht stattfinden wird, wie vor einem Monat befürchtet. Vor einer Woche teilte der Klub nämlich lapidar mit, dass nur 800 Mitglieder ihr Recht eingefordert haben, das Verhalten und die Zusammensetzung des Aufsichtsrates in Frage zu stellen. Das waren 150 Stimmen zu wenig. „Formaljuristisch reicht das nicht“, ließ Pressesprecher Töffling mitteilen. 800 Stimmen sind viel, aber wenig, gemessen an Bertrams Äußerung, dass „die Fans hinter mir stehen“.

Die Mitglieder scheinen sich erst einmal auf die Arbeit des Aufsichtsrates einzulassen, der Jürgen Schlebrowski zum Präsidenten ernannt hat. Die Stimmen, die die Rückkehr von Bertram fordern, sind leise geworden und sie werden bei jedem Spiel weniger. Heute Abend (19 Uhr) treten die Berliner im Stadion an der Alten Försterei gegen den VfL Osnabrück an. Auch Trainer Mirko Votava hat sich intern sinngemäß geäußert, dass er unter Bertram nicht mehr arbeiten wolle. Auch aus diesem Grund scheint eine Rückkehr des ehemaligen Präsidenten unwahrscheinlich und würde erneut Unruhe in den Verein bringen. Die Führungsetage des Klubs wurde längst umgekrempelt: Der Aufsichtsrat wird von zwei auf neun Mitglieder erweitert. Unions Hauptsponsor BSR, der vor vier Wochen „Bedenken über die Situation“ äußerte, aber beruhigt wurde, wird einen Platz einnehmen, ab Mai wird auch Filmhändler und Hauptgläubiger Michael Kölmel im Aufsichtsrat sitzen.

Bernd Hofmann, der ehemalige Geschäftsführer und Vizepräsident, der über fehlendes Vertrauen klagte und sein Amt aufgab, sagt: „Wir hatten die Kirch-Krise zu überstehen. Das ist gelungen. Wir haben einen ordnungsgemäßen Geschäftsbetrieb übergeben.“ Es ist in der Tat nicht schlecht, wie in den vergangenen Jahren gearbeitet wurde. Gehälter wurden drastisch gekürzt, so, wie es später immer mehr Vereine taten. Und im Sommer werden alte und teure Verträge von zehn Spielern auslaufen. Union gewinnt also finanziellen Spielraum, weil sich der Verein keinen Ersatzspieler leisten wird wie bisher, der 500 000 Euro im Jahr verdient.

Allerdings gibt es Aufsichtsratsmitglieder, die sagen, Union drohe die Insolvenz. In den vergangenen Jahren habe Union „900 000 Euro Transferverluste“ erlitten. Da gibt es Kredite, die mit Zinssätzen weit über der Norm ausgehandelt wurden, und da drohen kurzfristige Verbindlichkeiten, die sich zum 30. September 2003 auf 800 000 Euro beliefen und bis Juni kommenden Jahres auf 1,2 Millionen ansteigen könnten. Jeder Union-Fan wird sich vorstellen können, was passiert, wenn die Mannschaft die Klasse nicht halten kann.

Jürgen Schlebrowski hat gesagt, er habe Kontakte zu Wirtschaftsunternehmen, könne diese aber erst nach dem Jahreswechsel nutzen, weil dann Spielraum in den Werbeetats vorhanden sei. Er wird sich daran messen lassen müssen. Bis Mai 2004. Bis zur turnusgemäßen Mitgliederversammlung.

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