Sport : Eishockey: Die Angst vor dem Mob

Claus Vetter

Die vierte Heimniederlage der Eisbären war besiegelt, das Volk tobte - und die Entscheidungsträger waren weg. Trainer Glen Williamson und Sprecher Moritz Hillebrand waren allein im Sportforum Hohenschönhausen zurückgelassen. In einem Moment, wo nicht nur die anwesenden Medienvertreter beim Tabellenletzten der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) auf Antworten bezüglich der Zukunft des Klubs hofften.

Wieder einmal hatten die Eisbären in letzter Minute einen sichergeglaubten Sieg aus der Hand gegeben, das 6:7 nach Penaltyschießen gegen schwache Essener Moskitos reihte sich nahtlos in die trostlosen Vorstellungen der zurückliegenden Wochen ein. Dazu gab es wütende Fanproteste auf den Rängen. Die blieben im zweiten Drittel sogar leer, weil einige Anhänger die Halle zwischenzeitlich verlassen hatten und das Rufen nach Rücktritten von Martin Müller, dem Generalbevollmächtigten, und Manager Peter John Lee für kurze Zeit unterbrachen. Lee hatte das Spiel irgendwo inkognito verfolgt, Müller hatte nach zwei Dritteln genug gesehen und verschwand. Der Generalbevollmächtigte fühlte sich von den Fans bedroht und soll sogar auf der Heimfahrt im Auto von wütenden Eisbären-Fans verfolgt worden sein.

Die Angst der Verantwortlichen vor dem wütenden Mob mag menschlich nachvollziehbar sein - Trainer und Sprecher war damit nicht geholfen. Zurückgelassen und hilflos mussten sich Glen Williamson und Moritz Hillebrand den Fragen nach der Zukunft des Clubs stellen.

Zunächst versuchte der Trainer noch mit einer reichlich belanglosen Analyse der Niederlage abzulenken, doch dann ging es flugs ans Eingemachte. Ob Williamson am Montag noch Trainer ist? "Das ist nicht meine Entscheidung", sprach der Kanadier. Sprecher Hillebrand versuchte aufzuklären. Man werde diese Frage bereits in den frühen Morgenstunden des Montags mit dem General Manager der Los Angeles Kings, Dave Taylor, diskutieren. Die Kings spielen in der nordamerikanischen Profiliga NHL, gehören wie die Eisbären zum Imperium der Anschutz-Gruppe aus dem nordamerikanischen Denver. Warum gerade Dave Taylor, der beim Vorbereitungsturnier schon mal in Hohenschönhausen weilte, über die Geschicke der Eisbären zu entscheiden hat, wurde nicht transparent. Es gelte bei einer etwaigen Demission von Trainer Williamson freilich auch um finanzielle Aspekte zu klären, sagte Hillebrand immerhin.

Entscheidungen können die Berliner nicht eigenständig fällen, und bei der Entscheidungsfindung ließen sie sich gestern auch reichlich Zeit. Seit Montagmorgen wurde debattiert, mit den Chefs in Amerika und untereinander. Martin Müller, Marketingleiter Billy Flynn und Geschäftsführer Günter Haake fanden sich zu einer Krisensitzung ein. Manager Lee hielt sich derweil bei Trainer Williamson und der Mannschaft auf. Spekuliert wurde im Umfeld viel, Ergebnisse gab es bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch keine konkreten zu vermelden. Kollektive Hilflosigkeit auf dem Eis, geballte Ratlosigkeit hinter den Kulissen: Die Saison hat für den EHC Eisbären - nicht nur wegen seines derzeit letzten Tabellenplatzes - trüber angefangen als jede andere in den zehn bewegten Jahren seit der Wende.

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