Eishockey in Westberlin : Herren der Glocke

Im Westen Berlins wird auch noch Eishockey gespielt. Auf niedrigem Niveau zwar, aber mit großen Zielen. Ein Besuch beim Derby zwischen dem Berliner Schlittschuhclub 07 und dem ECC Preussen.

Paul Kurreck

„Die Eisbären langweilen mich“, sagt Marc Dannbeck und erklärt auch gleich, warum das so ist: „Die können nur sich selbst schlagen, was sie ja gerade auch tun.“ Dannbeck muss es wissen. Er hat einst für den Rekordmeister der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) gearbeitet. Inzwischen widmet er sich einem anderen, für ihn weitaus spannenderen Projekt: Dannbeck ist Leiter der Eishockeyabteilung beim Berliner Schlittschuhclub 07. Am vergangenen Freitag hatte der Klub zum Derby in der Regionalliga gegen den ECC Preussen in die Eissporthalle Charlottenburg am Glockenturm geladen. Und wenn diese Teams aufeinander treffen, ist das kein gewöhnliches Derby.

Es ist das Duell zweier Vereine, die einst erfolgreich waren und dann finanziell gescheitert sind. Doch das ist eine Weile her, das Eishockey in West-Berlin ist schon länger abgehängt.

Seit März 2009 tragen sowohl der Schlittschuhclub als auch die Preussen ihrer Heimspiele in der Halle am Glockenturm aus. Die hat nur eine Tribüne auf der Strafbankseite und fasst 1000 Zuschauer. Am Freitag sind 472 Fans gekommen. Und auch wenn beide Teams unbedingt zeigen wollen, wer „Herr in der Glocke“ ist, ist die Stimmung doch eher freundschaftlich. „Feindschaft gibt es hier nicht, wir waren ja mal ein Verein“, sagt Dannbeck.

Im Publikum finden sich Menschen jeden Alters, auch viele Kinder sind da. An die ruhmreiche Vergangenheit erinnert aber kaum etwas, Trikots oder Bilder der früheren Serienmeister sucht man vergeblich. Dabei würde es dafür Anlass genug geben. Vor allem der Schlittschuhclub darf sich nach 20 Meisterschaften, hauptsächlich aus den 1910er, 20er und 30er Jahren, immer noch Deutscher Rekordmeister nennen. Auch die Preussen waren nach der Ausgliederung aus dem Schlittschuhclub 1981 erfolgreich, vor allem unter dem Namen Berlin Capitals. „Für historische Erinnerungstücke fehlen uns leider die finanziellen Mittel“, erzählt Dannbeck, der für beide Vereine gespielt hat. Der Glanz von einst lässt sich inzwischen nur noch erahnen.

Preussen dominiert von Beginn an nicht nur das Spiel, sondern auch auf den Rängen. „Wir haben zwar die längere Historie, aber bei den Preussen ist sie eben noch nicht so lange her“, erklärt Dannbeck. Neutrale Zuschauer sind kaum zu finden. Jeder ist mit einem der Vereine irgendwie verbunden, die meisten sind ehemalige Spieler und wollen „mal gucken, was der Verein so macht“, erzählt ein Fan des Schlittschuhclubs.

Im Spiel zeigen beide Mannschaften, warum sie zu den Spitzenteams in der Regionalliga gezählt werden. Ein Aufstieg in die Oberliga kommt für die Klubs trotzdem nicht infrage. Nicht aus sportlichen, sondern aus finanziellen Gründen wird das Aufstiegsrecht oft weitergegeben. „Erst wenn wir konstant 500 Zuschauer haben, gehen wir den Schritt in die dritte Liga“, sagt Dannbeck. Die ist zwar für Sponsoren kaum attraktiver, dafür würden mehr Zuschauer kommen und so den Aufschwung unterstützen. Allerdings ist es ein sehr langer Prozess. Dannbeck gibt sich 20 Jahre.

Dabei könnten Konzepte mit Großinvestoren deutlich schneller erfolgreich sein. Die Eisbären als Teil der weltweit erfolgreiche Anschutz Entertainment Group sind das beste Beispiel. Neidisch ist darauf beim Schlittschuhclub aber niemand. Zu den Eisbären gehe er auch, erzählt ein eingefleischter Fan des Schlittschuhclubs. „Die Arena ist doch geil. Fast wie in Amerika, nur die Hotdogs fehlen.“

Irgendwann möchte der Schlittschuhclub auch einmal so weit kommen. Viele Zuschauer, die entsprechende Einnahmen garantieren und das alles trotzdem finanziell unabhängig. Ein „Mitgliederverein“ nach Vorbild des 1. FC Union, davon träumt Dannbeck.

Das Spiel endet übrigens 3:1 für Preussen. Doch wichtiger ist für die Fans des Siegers an diesem Freitag, wieder „Herr in der Glocke“ zu sein.

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