Eishockey : Ost-Ost-Ost-Berlin

Nach 1989 errichteten die Eisbären in Hohenschönhausen eine Mini-DDR. Heute sind sie Marktführer im gesamtdeutschen Eventsport. Eine Wende auf Eis.

Sven Goldmann
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Heimat der Klatschpappen. Die Eisbären spielen in der modernsten Halle Europas fast immer vor ausverkauften Rängen. Foto: dpadpa

Das Telefon hat in der Tasche gesteckt, zusammen mit der Schnupftabakdose. Nun ist es hin, aber so bleibt er von den Anrufen verschont. Gut so, würden ja alle dasselbe fragen kurz vor dem 9. November. Wie war das damals, mit der Vereinigung von Ost und West? Mei, sagt der Funk-Lenz, nichts war da, wir haben halt Eishockey gespielt. Lorenz Funk hat 1976 in Innsbruck mitgeholfen, die olympische Bronzemedaille zu gewinnen, das ist bis heute der größte Erfolg des deutschen Eishockeys. 225 Länderspiele für Deutschland-West hat er gemacht und danach neu im Osten angefangen.

Der EHC Eisbären Berlin ist das einzige funktionierende Joint-Venture im deutschen Sport. Funk hat es mitaufgebaut. Ein Ost-Verein, der es auch im Westen zu Berühmt- und Beliebtheit gebracht hat. Vier Mal in den vergangenen fünf Jahren ist die Mannschaft aus dem unwirtlichen Stadtteil Hohenschönhausen deutscher Eishockey-Meister geworden.

Weltpolitik ist eine Sache, der Alltag eine andere. „Hat mich nicht überrascht, die Wende“, sagt Funk und erzählt von Transitfahrten. 28 Jahre lang zwischen Berlin und Hof, vorbei an immerselben Industrieanlagen, „war klar, dass die Leute das sich nicht ewig gefallen lassen, schön, dass wir die Vorreiter waren“. Die Eishockeyspieler waren die ersten, die ihre Liga vereinigten, im Sommer 1990, als es noch keinen gemeinsamen Staat gab.

Mit 62 Jahren gibt Funk noch eine beeindruckende Gestalt ab, knapp zwei Meter groß und 120 Kilo schwer. Er könnte als Bulle von Tölz durchgehen, wenn die Rolle nicht von seinem Freund Ottfried Fischer besetzt wäre. 1971 ist er aus Bad Tölz nach Berlin gekommen; er blieb 35 Jahre. Funk hat den Berliner Schlittschuh- Klub zweimal zur Meisterschaft geführt, den BSC Preussen gegründet und nach der Wende das Eishockey im Osten der Stadt vor dem Untergang bewahrt.

Heute gibt es bei den Heimspielen der Eisbären amerikanisches Fastfood und Bier, das aus Bremen kommt und nicht mehr aus Weißensee. Dazu werden auf dem Eis Siege gereicht. Seit einem Jahr spielen die Eisbären in der neuen Großarena am Ostbahnhof, die modernste Veranstaltungshalle Europas ist fast immer ausverkauft. Zwischen Friedrichshain und Kreuzberg hat der Sport den Anschluss an die Eventkultur geschafft.

Nur Funk ist nicht mehr dabei. Seine Eisbären waren die aus Hohenschönhausen, sie spielten in einem Zweckbau aus den Fünfzigern, Wellblechpalast genannt. Der Wellblechpalast war das Gegenteil der schönen neuen Eishockeywelt. Ein Relikt aus realsozialistischer Vergangenheit, in dem es nach Bier und Toilettenstein roch. Aber ohne den Wellblechpalast würde es das Glitzerding am Ostbahnhof vielleicht nicht geben.

Eishockey in Ost-Berlin ist eine Erfolgsgeschichte in vier Teilen. Sie beginnt mit der Behauptung im Sozialismus, führt über das Überleben nach der Wende und den Anschluss an die marktwirtschaftlichen Kräfte zur heutigen Monopolstellung. Zu DDR-Zeiten saßen um die 500 Leutchen auf den unbequemen Holzbänken im Sportforum. Die Liga bestand nur aus zwei Mannschaften, Dynamo Berlin und Dynamo Weißwasser, die sich endlos duellierten. Als die beiden Dynamos im Frühjahr 1990 in die Bundesliga aufgenommen wurden, waren sie selbst am meisten davon überrascht.

Seltsame Tage waren das in Hohenschönhausen. Die Ost-Berliner spielten als DDR-Bürger in der Bundesliga und stellten ihre Arbeitskraft der ehemaligen Sektion Eishockey der Sportvereinigung Dynamo für 2000 Mark im Monat zur Verfügung. Und der Klubchef offenbarte seinen verblüfften Kollegen im Westen, sein Team werde bis auf weiteres vom Innenministerium der DDR finanziert.

Die Ost-Berliner passten sich an. Als das Geld nach der Abwicklung des ostdeutschen Staatsapparats knapp wurde, verdingten sie sich als Werbeträger für die westdeutsche Dependance eines fernöstlichen Elektronikunternehmens. Und weil sie sich bald einen Stammplatz am Tabellenende erarbeiteten, stellten sie ihren Trainer frei und legten die sportliche Leitung in die Hände bewährter Westimporte: Als Trainer kam der frühere Meistermacher Gerhard Kießling, als Manager Lorenz Funk. Kontakt zu den Kollegen im Osten hatte er schon seit den Siebzigern, „da hast du dich mit denen aber nur heimlich auf der Toilette treffen können“.

Kießling hatte eine andere Ost-Vergangenheit. Er war der erste Staatstrainer der DDR und hatte Walter Ulbricht einst das Schlittschuhlaufen beigebracht. Bei seinem Engagement in Hohenschönhausen war er fast 70 und tanzte mit den Fans in der Vereinskneipe Polonaise. Nach dem Abstieg, die wenigen Zuschauer nahmen ihn gleichmütig hin, war Kießlings Zeit abgelaufen. Die von Funk fing gerade an.

Unter Funk wagte Dynamo die Öffnung nach Westen. Er holte kanadische und westdeutsche Spieler. Für Stars war kein Geld da, es reichte nur für Profis, die woanders keinen Platz bekamen. Zum Telefonieren fuhr er rüber in den Westen, weil es am Reichstag öffentliche Zellen gab. Die Zeichen standen auf Untergang: Wer sollte sich im unwirtlichen Osten für ein zweitklassiges Produkt interessieren, wenn es weiter westlich beim BSC Preussen erstklassiges Eishockey zu sehen gab?

Es kam anders. In diesem einen Jahr der Zweitklassigkeit wurde aus der Liebhaberveranstaltung ein Kultereignis. Es war die Zeit, in der die Ostdeutschen die dramatischen Folgen des Umbruchs zu spüren bekamen. Subventionsabbau, Abwicklung, Auflösung der klassischen Industriegesellschaft. Die Aufkündigung des in der DDR gültigen Konsenses, nach dem jeder irgendwie Arbeit hat. Als die Euphorie erst in Enttäuschung umschlug, dann in Wut.

In Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen fand diese Wut ein Ventil mit fatalen Auswirkungen. Der Mikrokosmos von Hohenschönhausen erlebte eine andere Rebellion. Vielleicht begann alles beim Auswärtsspiel in Kassel, als die Berliner vom Publikum mal wieder als Stasi- Schweine beschimpft wurden. Sie hatten das immer als bittere Ungerechtigkeit empfunden und wort- und tränenreich beklagt, und jetzt wollte der Kanadier Scott Metcalfe wissen, was denn das sei, Stasi. Nach kurzer Erklärung sprang Metcalfe an der Plexiglas hoch und brüllte dem Publikum „Stasi, Stasi, I am Stasi“ entgegen, und einer Fernsehkamera vertraute er an, er sei „one hundred per cent Stasi“.

Das hat im Westen einen hübschen Skandal gegeben; im Osten war auf einmal Party. Dynamo-Spiele gerieten zum inoffiziellen Protest, zur lautstarken Selbstvergewisserung: Wir sind noch da, und wir sind auch wer! Immer mehr junge Leute kamen in den Wellblechpalast; es ging ihnen weniger um Eishockey denn um die eigenen Rufe: „Ost-Ost-Ost-Berlin!“ Die unverhoffte Euphorie trug die Mannschaft zurück in die erste Liga.

Im Überschwang des Aufstiegs akzeptierten es die Fans sogar, dass man ihnen ein Stück der alten, neu gewonnenen Identität wegnahm. Der Traditionsname Dynamo war Sponsoren nicht zu vermitteln, „das riecht meilenweit nach Stasi“, befand der neue, von Funk rekrutierte Präsident, ein Immobilienmakler aus Charlottenburg. Aus Dynamo wurden die Eisbären, benannt nach dem Wappentier im Vereinslogo, das ein (West-Berliner) Grafiker in den Wendewirren geschaffen hatte.

In der Bundesliga war das Low-Budget-Unternehmen aus dem Osten hoffnungslos unterlegen. Im Wellblechpalast machten die Bürger eines untergegangenen Staates die prägende Erfahrung, dass Niederlagen auch Spaß machen können, umso mehr, je weniger man sich selbst ernst nimmt. Sie hatten Spaß an dieser gespielten Form von Unterlegenheit, die im realen Leben war viel ernster.

In Hohenschönhausen machten sie die Eisfläche zum Ort, an dem es der Osten dem Westen mal so richtig geben konnte. Der Wellblechpalast wurde zur Mini- DDR, in der die Puhdys „Alt wie ein Baum“ sangen und das Publikum den Gewinn des FDGB-Pokals einforderte. Wenige hier hatten die Absicht, eine Mauer abzubauen. Bei Gastspielen im Westen riefen sie „Alle sind wir da, außer Erich Honecka!“ oder „Wir woll’n Begrüßungsgeld!“ Die Fans vom West-Berliner Konkurrenten BSC Preussen trauten sich lange nur mit eigenem Reisebus nach Hohenschönhausen. Und wenn die Ost-Berliner in den Westen fuhren, wartete dort ein Polizeiaufgebot wie am 1. Mai in Kreuzberg. Sie spürten, dass die im Westen Respekt vor ihnen hatten. Nicht so, wie sie es sich erträumt hatten nach der Maueröffnung, aber immerhin Respekt.

Mit der Konkurrenzfähigkeit auf dem Eis dauerte es noch bis Mitte der neunziger Jahre, als der belgische Fußballspieler Jean-Marc Bosman vor dem Europäischen Gerichtshof das uneingeschränkte Arbeitsrecht für Sportler in der EU erstritt. Keiner setzte dieses Urteil so rigoros um wie die Eisbären. Sie tauschten fast die gesamte Belegschaft und verpflichteten 17 Profis aus Nordamerika und Skandinavien, alle ausgestattet mit EU-Pässen.

Die neuen Eisbären gehörten zur Creme der Liga, und beinahe wären sie am Erfolg zugrunde gegangen. Ihre Philosophie entsprach dem, was man der Linkspartei unterstellt – Geld ausgeben. Woher es kam, war egal, solange die Hausbank immer neues bereitstellte, und zur Not mussten die Spieler mal auf ihre Gehälter warten. Zum Ende des Jahrtausends waren die Eisbären so gut wie pleite.

Es heißt immer, Philip Anschutz hätte sich in die Eisbären verliebt wegen der tollen Stimmung im Wellblechpalast. Das ist eine schöne Geschichte, Anschutz hat sie nie dementiert, aber wie so viele schöne Geschichten stimmt sie leider nicht. Anschutz, der milliardenschwere Unternehmer aus Denver, wollte Fuß fassen in Deutschland. Der spannendste und profitabelste Markt in Europa Ende des Jahrtausends war Berlin. Für die von ihm projektierte Arena sucht er einen Mieter. Weil die Preussen ihre eigene Halle bauen wollten, fiel die Wahl auf die Eisbären. 1999 kaufte die Anschutz Entertainment Group den Klub. Bei der Sichtung der Bücher muss sich Haarsträubendes offenbart haben. Die Amerikaner tilgten die Schulden und trennten sich von der Geschäftsführung. Lorenz Funk war raus.

Der Rest ist die bekannte Erfolgsgeschichte. Die Preussen sind längst pleite, die Eisbären nicht mehr wegzudenken. Anschutz hat das Kunststück fertiggebracht, im von der Kreuzberg-Friedrichshainer Subkultur verhassten Projekt Mediaspree als Lokalmatador aufzutreten. Als einer, der dem erfolgreichsten Ost-Klub eine neue Heimat gegeben hat.

Die Fans haben alles geschluckt. Den Umzug in die Yuppie-Gegend, das Bier aus Bremen, und auch, dass sie in der 14 000 Zuschauer fassenden Halle nur noch eine Minderheit sind. Die Tradition lebt, wenn gerade Zeit dafür ist. Bei jedem Spiel rufen sie nach exakt 30 gespielten Minuten auf ihrer Stehplatztribüne „Ost- Ost-Ost-Berlin“ und freuen sich, wenn das Publikum auf den teuren Plätzen mit der Klatschpappe einstimmt. Aus den Rebellen der Neunziger sind die Eventfans des neuen Jahrtausends geworden.

Lorenz Funk hat Berlin vor drei Jahren verlassen. Von den Eisbären will er nichts mehr wissen. Er trainiert die Knaben daheim in Reichersbeuern, auf der alten Spritzeisbahn am Feuerwehrhaus, „ist fast wie früher, das ganze Profi-Eishockey kannst doch vergessen“. Die Eisbären haben ihm keine Einladung geschickt, als die neue Halle eröffnet wurde. Er wäre ohnehin nicht hingegangen. „Was willst denn in der Schickimicki-Gegend“, sagt Funk, „da wohnt doch kein gescheiter Mensch.“

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