Sport : Eishockey vor der Explosion

Der Abstieg des U-20-Teams löst heftige Debatten aus

Claus Vetter

Berlin - Schön gescheitert sind sie, die deutschen Junioren bei der U-20-Eishockeyweltmeisterschaft in Schweden. Nach Siegen über die USA und die Slowakei waren sie fast schon in der Endrunde. Dann aber gab es knappe Niederlagen gegen Kanada und Schweden, und schließlich unterlag Schweden nach Verlängerung den USA. Pech, ein Punkt fehlte: Deutschland musste in die Relegation, verlor trotz Spielvorteilen gegen Weißrussland und die Schweiz – und stieg ab.

Eine fast tragische Geschichte, der Franz Reindl als Sportdirektor beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB) aber Positives abgewinnen möchte. Die „stärkste deutsche Juniorenmannschaft seit Jahrzehnten“ habe ihn nicht enttäuscht. „Bei Juniorenteams geht es vorrangig nicht um Resultate, sondern um Perspektive.“ Die habe beim Turnier in Schweden im deutschen Team in großem Maße mitgespielt. Viele der jungen Spieler könnten 2010, bei der WM im eigenen Lande, der Nationalmannschaft helfen, eine gute Rolle zu spielen. Tatsächlich hat der deutsche Nachwuchs gute Werte gehabt, zählt Junioren-Nationaltrainer Ernst Höfner auf. Felix Schütz war mit fünf Toren Toptorjäger des Turniers. „In Unterzahl waren wir die viertbeste Mannschaft“, sagt Höfner, „dann haben wir mehr Schüsse aus Tor abgegeben als bekommen. Die Statistik ist super.“ Dann seufzt der Trainer. „Und statistisch gesehen ist jeder dritte Mensch ein Chinese. Trotzdem haben ich keinen Chinesen in Schweden gesehen.“

Pierre Pagé findet nicht lustig, was in Schweden passiert ist. Sieben Spieler der Eisbären sind Juniorennationalspieler, seit Jahren fördert der Kanadier Pagé als Trainer den deutschen Nachwuchs, nun sagt er: „Was bei der U-20-WM passiert ist, ist inakzeptabel. Die Mannschaft war sehr gut, sie musste eine Medaille holen und durfte nicht absteigen.“ Vom Talent her siedelt Pagé das deutsche Team international weit oben an. „Das ist kein Vergleich mit dem Schweizer U-20-Team, das unsere Spieler im Übrigen schon viermal in dieser Saison geschlagen haben.“ Trotzdem verloren die Deutschen in Schweden 3:5, was sich auch Sebastian Stefaniszin nicht erklären kann. Der junge Torhüter von den Eisbären sagt: „Unsere Moral war unten, das war ziemlich unglücklich.“ Von Glück und Unglück will Pagé nichts hören. „Andere Nationen bereiten sich wochenlang auf so ein Turnier vor, während unser Team einmal im Jahr für fünf Tage ein Trainingslager in Füssen macht.“ Die Situation im deutschen Eishockey sei ernst: „Wenn keiner die Notbremse zieht, explodiert da etwas.“

Höfner und Reindl finden durchaus, dass Pagé recht hat. Zumal die Eisbären in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) mit zwei Meistertiteln bewiesen hätten, dass man mit vielen jungen Deutschen auch erfolgreich sein kann, sagt Reindl. „Bei anderen DEL-Klubs fehlt dagegen das Gefühl fürs Ganze. Doch die Popularität unserer Sportart vergrößern wir nur durch ein erfolgreichesNationaleam.“

Daher fordern Reindl und Höfner, dass die Anzahl der Ausländer in der DEL – zurzeit dürfen elf pro Spiel eingesetzt werden – reduziert wird. Ein Problem sei, dass die jungen Spieler in kritischen Situationen zu selten eingesetzt würden, sagt Höfner. „Und in so einer Situation haben wir uns bei der U-20-WM gegen die Schweiz befunden. Im entscheidenden Moment haben meine Spieler ihr Potenzial nicht abgerufen.“ Dann seufzt Höfner noch einmal. „Trotzdem hätten wir gewinnen können.“ So sieht es auch Torhüter Stefaniszin: „Wenn du absteigst, interessiert es keinen, ob du Ex-Weltmeister USA geschlagen hast.“ Derlei Worte dürften wiederum seinen Klubtrainer Pagé erfreuen: Denn Spieler, die sich nicht über schönes Scheitern freuen, haben eine Zukunft.

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