Sport : Eishockey-WM: Der Star ist der Fan

Claus Vetter

In einem großen Hotel auf dem Messegelände von Hannover hatte Wayne Gretzky während der Eishockey-Weltmeisterschaft Quartier bezogen. Das Haus unweit der Preussag-Arena genießt einen guten Ruf, doch beim Feierabendbier stieß Kanadas Teamchef auf unerwartete Probleme. Kurz nach Mitternacht wurde das Licht abgedreht, und Gretzky saß unvermittelt im Dunkeln. Kurze Nachfrage beim Schankpersonal, ob man denn wisse, wer da im Sessel gerade seinen Arbeitstag ausklingen lassen wollte. "Na klar, das ist Wayne Gretzky", sagte der Barkeeper, "Der Mann ist in Amerika ein Superstar. Aber wir haben hier um ein Uhr Feierabend." Gretzky ließ das Bier stehen und verschwand auf sein Zimmer.

Eine Randepisode und eine ganz und gar untypische für die am Sonntag in Hannover zu Ende gegangene WM. Das Einzige, was das Turnier von Deutschland mit denen der vergangenen Jahre gemeinsam hatte, war der Sieger. Zum dritten Mal in Folge sicherte sich Tschechien den Titel, in einem dramatischen Finale mit 3:2 nach Verlängerung. Die bessere Mannschaft aber war die aus Finnland. "Die Tschechen trinken Champagner, ich habe nur Sprite hier", sagte der finnische Trainer Hannu Virta. "Das ist der Unterschied."

Vor der Preussag-Arena wurde zu gleicher Zeit weniger Softdrinks zugesprochen, dafür die Betonwüste Expo-Gelände in eine riesige Freiluft-Diskothek verwandelt. Fans aus Tschechien, Finnland, Schweden und Deutschland feierten ein Volksfest. Ähnliches hatte sich schon in den vergangenen zwei Wochen rund um die Weltmeisterschaft abgespielt, ob nun in Hannover, Köln oder in Nürnberg.

Die eigentlichen Stars der WM waren nicht Wayne Gretzky und die Dollarmillionäre aus der nordamerikanischen Profiliga NHL, die in vielen Teams den Ton angaben. Die Stars waren die Fans. Über 400 000 Besucher verfolgten die WM. An einem Nachmittag lockte in Köln ein Spiel zwischen Schweden und Lettland 11 200 Zuschauer, 6000 Letten hatten eine 36-stündige Anreise im Bus in Kauf genommen. Trotz einer Niederlage Lettlands ging es, wie bei der gesamten WM, auch bei der rekordverdächtigen Versammlung lettischer Bürger außerhalb ihres Landes friedlich zu.

Es gab während der 16 WM-Tage nicht einen nennenswerten Zwischenfall. Vor allem die deutschen Fans sorgten für blendende Atmosphäre. Franz Reindl, Sportdirektor beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB) und WM-Organisationschef, weiß denn auch, wer maßgeblich am Gelingen der WM beteiligt war: "Wir haben dank unserer Fans allen Gästen ein weltoffenes, tolerantes Bild von Deutschland vermittelt."

Der DEB lieferte ein sehr gutes Produkt ab. Mag sein, dass nun, wo das große Eishockey-Fest vorbei ist, mancher deutsche Fan Kopfschmerzen bekommt, wenn er an den Alltag der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), an Stadionbruchbuden wie in Mannheim oder Schwenningen denkt, schließlich bot die Weltmeisterschaft Eishockey in einer neuen Dimension. Auch die vielen Gäste aus dem Ausland waren beeindruckt, waren mitunter aber auch sehr gut informiert über die Kapriolen im deutschen Eishockey. "So eine Stimmung beim Eishockey gibt es nirgendwo anders in der Welt", sagte ein Fan aus Finnland zum Abschied. "Wenn eure Funktionäre genauso gut wären wie eure Fans, dann wärt ihr Deutschen längst Weltmeister."

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