Eishockey-WM : Deutschland - Russland: Maurer gegen Zauberer

Nach dem überraschenden Halbfinaleinzug wollen die Deutschen jetzt eine WM-Medaille. Am Samstag geht es gegen Russland.

von

Die Berliner Schnauze ist nun mal das Gegenteil von Zurückhaltung. Da polterte Sven Felski nach dem Spiel in die Kabine der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft und brüllte seinen Kollegen „wollt ihr mich verarschen, das kann doch nicht wahr sein“ entgegen. Das träume er doch jetzt nur, rief der bodenständige Kerl aus Berlin-Hohenschönhausen. Von wegen Traum. Der Profi von den Eisbären hat in fast zwei Jahrzehnten Nationalmannschaft schon viel erlebt. Aber das, was sich am Donnerstag in der Arena von Mannheim abgespielt hat, durfte Felski zuvor nicht erleben: Deutschland hat die Schweiz im Viertelfinale 1:0 geschlagen und spielt am Samstag im Halbfinale der Weltmeisterschaft gegen Russland (18 Uhr, live auf Sport 1).

Der Bundestrainer drückte seine Gefühlslage weniger rustikal aus als der Berliner Felski. Uwe Krupp sagte: „Wir sind verdammt stolz auf dieses großartige Turnier. Die Aufbauarbeit der vergangenen vier Jahre hat sich gelohnt.“ Dann hielt der bei seinen rhetorischen Ausflügen oft sparsam agierende Mann noch ein Kurzreferat über die Dynamik des Heimvorteils bei einer Weltmeisterschaft in Deutschland. Alle hätten ihm die Daumen gedrückt, sagte Uwe Krupp. Handballnationaltrainer Heiner Brand, Basketballnationaltrainer Dirk Bauermann „und natürlich die Jungs vom Deutschen Fußball-Bund“. Die Kollegen seien eben „sehr positiv eingestellt“. „Der Heiner“ habe von Anfang an gesagt, dass das laufen werde, sagte Krupp.

Daumendrücken von dem Heiner und Kollegen war nicht nötig. Auch wenn gegen die Schweizer der Sieg wieder einmal mehr ermauert denn erspielt wurde: Die Deutschen haben bei der WM bislang zwar kein Eishockey-Meisterwerk abgeliefert, aber sie haben ihre Stärken ausgespielt. Taktisch diszipliniert und mit zentimetergenauer Ordnung in der Defensive, die für alle Gegner bislang frustrierend war. Die Schweizer Frustration entlud sich am Donnerstag dann nach Spielschluss noch in einer unübersichtlichen Keilerei, für die es eine Zehn-Minuten-Strafe für den deutschen Verteidiger Korbinian Holzer gab, die allerdings keine Sperre nach sich zog. Konsequenzen hatte die Auseinandersetzung aber für den deutschen Co-Trainer Ernst Höfner, der von der Disziplinarkommission des Weltverbandes IIHF für zwei Spiele gesperrt wurde, weil er den Schweizer Verteidiger Tino Helbling attackiert haben soll.

Nur neun Gegentore gab es für die Deutschen in sieben WM-Spielen, das ist ein fantastischer Wert im Eishockey und wurde mit dem Halbfinaleinzug belohnt. Erst einmal. „Das Turnier geht ja noch weiter“, sagte Verteidiger Christian Ehrhoff von den Vancouver Canucks. „Jetzt wollen wir auch eine Medaille.“ Die gibt es entweder im Finale oder im Spiel um Platz drei zu gewinnen.

Schon am Sonnabend steht das Halbfinale gegen Weltmeister Russland an. Die Stars um Superdiva Alexander Owetschkin haben bei der WM bisher alles mit herrlicher Brillanz aus dem Weg gezaubert, im Viertelfinale nun Olympiasieger Kanada 5:2 gedemütigt. Und dann ist da ja noch die schreckliche WM-Bilanz aus deutscher Sicht. 36 Spiele gegen die Russen, 36 Niederlagen. Die jüngste davon gab es beim 2:3 der Deutschen in der Zwischenrunde dieser WM. Aber die neue Nationalmannschaft ist eben nicht die alte Nationalmannschaft. Nur mitspielen und schön verlieren will keiner mehr. Alle wichtigen Spiele bei dieser WM haben sie bisher gewonnen. Und so sagt Bundestrainer Uwe Krupp auch: „Wir haben noch viel vor.“

Autor

1 Kommentar

Neuester Kommentar