Sport : Eishockey-WM: Die Dinge des Lebens

Claus Vetter

An seinem rechten Knöchel hat Larry Rucchin einen dicken Eisbeutel. Das Training in der Preussag Arena in Hannover kann der italienische Eishockey-Nationalspieler nur von der Bande aus verfolgen. "Ich habe einen Puck abgekriegt", sagt der 33-Jährige und lacht. "Natürlich kann ich am Freitag gegen Deutschland spielen. Das wäre ja noch schöner, wegen so einer Lappalie bei einer Weltmeisterschaft zu pausieren." Was ist eine solche Blessur gegen das, was der gebürtige Kanadier seit Ende März vergangenen Jahres durchgemacht hat? Damals war Rucchin bei den Berlin Capitals in der Deutschen Eishockey-Liga unter Vertrag. Einen Tag vor den Play-offs brach Rucchin das Training ab, wegen einer Magenverstimmung, wie er glaubte. Sein Arzt offenbarte Schlimmeres: Darmkrebs im fortgeschrittenen Stadium. "Vier Stufen Krebs gibt es", erzählt Rucchin, "ich war an der Grenze zu Stufe vier, also der schlimmsten. Die Metastasen hatten andere Organe befallen."

Es galt zu handeln, und zwar schnell. Wenige Stunden, bevor die Capitals ihr erstes Viertelfinalspiel in Krefeld hatten, verabschiedete sich Rucchin von seinen Kollegen. "In der Kabine herrschte Totenstille, manchem sind Tränen gekommen. Ich hatte unglaubliche Angst, dachte, das war es dann wohl. Die Capitals haben mir erstklassige medizinische Betreuung angeboten, aber ich wollte nach Hause." Vier Tage nachdem der Krebs in Berlin diagnostiziert war, wurde Rucchin schon in seiner kanadischen Heimatstadt Hamilton operiert. "In dem Krankenhaus arbeitet meine Schwägerin, da fühlte ich mich besser aufgehoben als in Berlin." Rucchin schweigt für einen Moment. Nein, das Wort Tod will er nicht in den Mund nehmen. Das hat er nie getan, schließlich hat er den Krebs besiegen wollen. Chemotherapien, Bestrahlungen und was sonst noch alles musste er über sich ergehen lassen, bis vor wenigen Wochen. "Eishockey? Nein, daran habe ich fast ein Jahr lang kaum gedacht. Mir ging es nur darum, zu überleben."

Larry Rucchin hat überlebt und dann doch wieder ans Eishockey gedacht. Im Februar begann er mit dem Training, einen Klub hat er noch nicht. Da kam gerade recht, dass sich die Italiener an ihren erfahrenen Verteidiger erinnerten. Rucchins Eltern stammen aus Italien, er nahm schon vor einem Jahrzehnt die italienische Staatsbürgerschaft an und spielte früher in der italienischen Liga.

Sechs Vorbereitungsspiele hat Rucchin vor dieser WM gemacht. Das hat gereicht, denn beim letzten Vorrundenspiel gegen Norwegen wurde Rucchin zum besten Spieler gewählt. Eine Ehre, die den bescheidenen, auf dem Eis genauso soliden wie unspektakulären Verteidiger früher wohl peinlich berührt hätte. Heute ist das anders. "Eine tolle Sache war das gegen Norwegen", sagt er, "wo ich doch nach der langen Pause nur wenig Luft habe." Trotz der Ehrung gilt für Rucchin: "Der Spaß steht nun im Vordergrund." Wie bei der gesamten italienischen Mannschaft. Bei der von Trainer Pat Cortina dreisprachig - italienisch, deutsch, englisch - am Donnerstagmorgen abgehaltenen Übungseinheit geht es spaßig zu. Egal, dass kaum eine Übung klappt. Da bot der Gegner, die deutsche Nationalmannschaft, am Nachmittag ein anderes Bild. Dort dirigierte Bundestrainer Hans Zach seine Spieler in gewohnt konzentriert-griesgrämiger Manier über das Eis. "Dass die Deutschen die Sache ernster sehen, kann ich verstehen", sagt Rucchin. "Die müssen sich vor ihrem Publikum beweisen. Wir werden bei der Euphorie hier in Hannover keine große Chance haben." Und wenn schon. Anderes ist im Leben des Larry Rucchin inzwischen wichtiger als der Sport, WM hin oder her. "Dinge, über die ich mich vor meiner Krankheit aufgeregt habe, die berühren mich heute nicht mehr", sagt er. "Dazu gehört auch ein verlorenes Eishockeyspiel."

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