Eishockey : WM-Eröffnungsspiel: Das Stadion ist der Star

Mit dem Eröffnungsspiel der WM in Deutschland in der Arena Auf Schalke stellt sich das deutsche Eishockey auf einen Sockel, der zu groß sein könnte.

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Viel vorgenommen haben sich die deutschen Eishockeyspieler bei dieser WM. Los geht's in der riesigen Arena Auf Schalke.
Viel vorgenommen haben sich die deutschen Eishockeyspieler bei dieser WM. Los geht's in der riesigen Arena Auf Schalke.Foto: ddp

Der Regen prasselt auf das Zeltplanendach der Schalker Arena. Im Inneren der Arena wird das beruhigende Geräusch am Donnerstagnachmittag übertönt. Tack, tack, tack. Pucks fliegen gegen die Plexiglasbanden auf der Eisfläche im Fußballstadion, das für ein paar Tage das größte Eisstadion der Welt ist. Die Nationalmannschaft trainiert. Klein wirken die Spieler vom Oberrang aus betrachtet. Doch am Freitag werden die deutschen Eishockeynationalspieler Teil eines großen Spektakels sein. 76 152 Zuschauer sollen zum Auftaktspiel der Eishockey- Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und den USA in Gelsenkirchen kommen (20.15 Uhr, live bei Sport 1). Das ist Zuschauer-Weltrekord für ein Eishockeyspiel.

Viel haben sie dafür gewerkelt, dass aus dem Fußballstadion eine Eishockeyarena wird. Rasen raus, Eisfläche rein: Sofort nach dem letzten Bundesligaheimspiel des FC Schalke 04 am Samstag wurde umgebaut. Das Stadion, das sonst 61 000 Plätze fasst, wurde um insgesamt 550 Tonnen schwere Stahlrohrtribünen erweitert, die nun bis auf acht Meter an die Eisfläche heranreichen. Henner Ziegfeld vom WM-Organisationskomitee sagt: „Ein paar Meter zwischen Tribünen und Eisfläche mussten wir lassen. Wegen der Fluchtwege.“ Ziegfeld steht ganz oben in der Arena und staunt selbst über das Geschaffte. „Unglaublich sieht das aus. Hier sehen Sie den Puck von überall.“ Moment mal. Das Handy klingelt mit Melodie von Scooter, den WM-Song-Barden. Das muss sein, beim Eishockey-Bund dieser Tage. Dann sagt Ziegfeld: „Schalke ist kein Kompromiss, sondern eine richtige Eisarena.“

Eine gigantische Idee, deren Realisierung lange gedauert habe, sagt Franz Reindl, Sportdirektor beim Deutschen Eishockey-Bund. Schon vor der Heim-Weltmeisterschaft 2001 habe man an so etwas gedacht. Das Spiel auf Schalke sei kein Größenwahn, sondern „eine Veranstaltung in der Veranstaltung Weltmeisterschaft“. Das Turnier ist terminlich eingequetscht zwischen Olympia in Vancouver und der Fußball-WM in Südafrika. „Da brauchen wir etwas Besonderes, um auf uns aufmerksam zu machen.“

In Kanada und den USA haben sie vor einigen Jahren damit angefangen, Eishockeyspiele in großen Freiluftstadien auszutragen. In der Profiliga NHL gehört das „Winter Classic“ zu Jahresbeginn zum festen Terminplan. Der Zuschauerrekord in der NHL liegt bei 71 217 Besuchern. Der bisherige Weltrekord, der nun auf Schalke gebrochen werden soll, resultiert allerdings aus einem Spiel zweier College-Teams aus Michigan. Im Oktober 2001 kamen 74 544 Zuschauer in das Football-Stadion von Lansing, Hauptstadt des US-Bundesstaats Michigan. Die damalige Studentin Beth Queeney aus Lansing erinnert sich: „Die Tickets kosteten nur einen Dollar, es war unglaublich kalt und man hat den Puck kaum gesehen. Aber es war eine Riesenparty.“

Gelsenkirchen wird das Gegenteil von Lansing: Die Tickets für das Spiel waren nicht billig, kalt wird es in der temporären Eishalle auch nicht. Nur die Riesenparty? Steigt die nicht, wenn die Deutschen verlieren? „Vieles kann man planen“, sagt Reindl. „Aber wir dürfen uns nicht auf den Erfolg des Heimteams verlassen.“ Und da liegt das Dilemma: Das deutsche Eishockey erhöht sich mit dem Riesenspiel, stellt sich auf einen Sockel, der zu groß sein könnte: Die Stars kommen nicht aus Deutschland. Die Deutschen müssen bei der WM mit Ländern konkurrieren, in denen Eishockey Volkssport ist. Zuschauerweltmeister Deutschland ist gegen die Eishockeyweltmacht USA Außenseiter – auch wenn die Amerikaner gestern, als sie beim Training des deutschen Teams in der Schalker Arena vorbeischauten, aus dem Staunen kaum rauskamen.

Es wirkt abenteuerlich, dass nun zu WM-Beginn aus Sicht des Gastgebers notgedrungen das Stadion ist der Star ist, und nicht das deutsche Eishockey, in dem in puncto Nachwuchsarbeit seit Jahren viel falsch gemacht wird. Aber auf die Stadien sind sie in Deutschland verdammt stolz. „Wir haben die besten Stadien in der Welt“, sagt Henner Ziegfeld. Und es klingt ein wenig trotziger Stolz mit in der Stimme des Mannes vom WM-Organisationskomitee, wenn er auf die leuchtende Eisfläche in der Arena blickt. Wer böse sein will, könnte nun sagen: Die besten Stadien habt ihr, aber nicht die besten Spieler. Wer es gut meint, kann natürlich auch sagen: Wenn das am Freitag mit den Deutschen irgendwie gut geht, dann wäre das riesig für das deutsche Eishockey.

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