Eishockey-WM : Kämpfen für den Bundestrainer

Unter Marco Sturm funktioniert die deutsche Eishockeynationalmannschaft anders als früher. Am Montag trifft sie bei der WM auf Russland.

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Den versteht jeder. Der Bayer Marco Sturm bei der Trainingsarbeit.
Den versteht jeder. Der Bayer Marco Sturm bei der Trainingsarbeit.Foto: Uwe Anspach/dpa

Marco Sturm wirkte gelassen. In trüben Momenten kommen dem Bayern seine so ausgeruht freundlich wirkenden Gesichtszüge zu Gute. Unfreundlich oder ausfallend – das lässt sich bei Marco Sturm schwer vorstellen, dem ist die Contenance ins Gesicht geschrieben. Besonnen analysierte der Eishockey-Bundestrainer am Sonnabend in der Kölnarena ein Spiel, dessen Ergebnis manchen seiner Vorgänger stocksauer (Hans Zach) oder zu einem verzweifelten Trainerbündel hätte werden lassen (Pat Cortina). Ist ja auch schwer zu erklären: Da rauscht du mit einem 2:1 gegen die USA in das Heim-WM-Turnier und verlierst nur 24 Stunden später 2:7 gegen Schweden. Sturm versuchte, das wegzudrücken. Er sagte: „Das wird nur kurz dauern, bis ich das verdaut habe. Das Spiel stärkt uns. Jeder ist sauer, das ist ein gutes Zeichen. Niederlage ist Niederlage.“

Sturm würde seine Spieler nie öffentlich kritisieren

Logisch, für ein 2:3 gibt es genauso null Punkte wie für ein 2:7. Das 2:7 hat aber einen größeren demoralisierenden Faktor. Wobei den Deutschen als Erklärung für das Schweden-Spiel zu Gute kommt, dass sie einen Tag nach dem Sieg gegen die Amerikaner nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte schienen, was auch das letzte Drittel (0:3) erklärt, in dem „wir komplett auseinandergefallen sind, was so nicht passieren darf“, wie Kapitän Dennis Seidenberg sagte. Sturm bezeichnete es weniger deftig: „Man hat den Spielern angesehen, dass Kopf und Beine zu müde waren.“

Der Bayer würde nie auf die Idee kommen, seine Spieler in der Öffentlichkeit zu kritisieren, dazu ist er auch noch zu nah dran an seinen Profis, von denen ihn viele noch als Mitspieler und „Vorbild“ (Dennis Seidenberg) kennen. Sturm war – bis Leon Draisaitl kam – der wohl beste deutsche Eishockeyprofi, der je in der National Hockey-League (NHL) gespielt hat.

1006 Spiele machte der flinke Flügelstürmer in der besten Eishockeyliga der Welt, und es war nie unter Sturms Würde, dem Nationalteam zu helfen. So hat der Multimillionär im Jahr 2006 bei der B-WM in Amiens in einem Hotel mit dem schmucken Namen „Holiday Inn“ in der nordfranzösischen Stadt gewohnt. Beim Turnier baten Gegenspieler den NHL-Star um Autogramme.

Umzug nach Deutschland

Noch ist der Lebensmittelpunkt des Mannes aus Dingolfing in Florida. Das könnte sich aber laut Franz Reindl, Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes, bald ändern. „Denn wir brauchen den Marco hier.“ Als Vorbild für die jungen, als Ansprechpartner für die gestandenen Profis – wenn ein Sturm ruft, kommen sie alle. Unter Sturms Vorgängern Jakob Kölliker und Pat Cortina sagte ab, wer eine lapidare Ausrede hatte. Ein Nationalspieler, so wurde es kolportiert, fand den Ausbau seines Balkons wichtiger als die WM- Teilnahme. Nach einer langen Saison war es bei Seidenberg und Kollegen nicht angesagt, quasi für lau noch bei einem Turnier im Mai die Knochen hinzuhalten.

Noch hat der Bundestrainer das Glück, dass zwei der vier Spieler, die im Viertelfinale der NHL beschäftigt sind, zum WM- Team nach Köln kommen werden. Leon Draisaitl wäre sicher eine Verstärkung, die zu mehr Durchschlagskraft verhelfen würde. Zwei Tore reichen eben nicht immer, um zu gewinnen. Das könnte auch am Montag im dritten Spiel der Deutschen gegen Russland (16.15, live auf Sport1) zu wenig sein.

Marco Sturm braucht mit nur 38 Jahren als Neuling im Geschäft Unterstützung. Mit der Eitelkeit eines einstigen Weltklassespielers, der sagt, er wisse, wie Eishockey funktioniert, würde er mit dem deutschen Team wohl nicht weit kommen. Sein Co-Trainer Geoff Ward, sonst Assistent in der NHL, hat Anteil an den Erfolgen. Der Kanadier versteht vermutlich mehr von Taktik als Sturm, aber Sturm findet die richtige Ansprache.

Mannschaft muss Leistung steigern

Die Spieler hören in der nordamerikanisch dominierten Sportart Eishockey in ihren Klubkabinen oft nur Englisch. „Den Spielern ist es wichtig, dass sie auf Deutsch angesprochen werden“, sagt Sturm. Das verkürzt den Kommunikationsdraht und erhöht die Bereitschaft, sich für das Vorbild an der Bande ins Zeug zu legen.

Ehrgeizig ist Sturm bei der WM sehr, daran ändert auch eine Niederlage wie die gegen Schweden nichts. „Wir wollen hier immer noch den nächsten Schritt machen.“ Sturm hat in seiner kurzen Trainerkarriere bei der WM 2016 mit dem Team das Viertelfinale erreicht und dann die Olympia-Qualifikation geschafft. Fünf Gruppenspiele bleiben dem Team nun, um mindestens Platz vier von acht Mannschaften und das WM-Viertelfinale zu erreichen. Mit einer Leistung wie gegen die USA wird das einfach, mit der Leistung vom Samstag unmöglich.

Aber das weiß Marco Sturm. Am Sonntag gab er den Spielern frei. Er sagte: „Am Sonntag will ich keinen Spieler in der Arena sehen. Die sollen regenerieren, den Kopf freibekommen. Dann können wir am Montag wieder angreifen.“

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