Eishockey-WM : Lasst uns überraschen

Das deutsche Nationalteam setzt auf den Heimvorteil und die Teamstärke - und gegen die USA auf den Überraschungseffekt.

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Berlin - Uwe Krupp zog die linke Augenbraue hoch. Ein bisschen verständnislos, ein bisschen vorwurfsvoll. Mit Fragen wie diesen kann er nun mal gar nichts anfangen. Ob die Nationalmannschaft vor dem Turnier nicht noch etwas Ruhe bräuchte, wollte da jemand wissen. Der Bundestrainer hätte jetzt patzig werden können oder ausfallend, doch stattdessen zählte er einfach ganz cool die bevorstehenden Aufgaben auf: Eistraining, Medizincheck, Transfer und so weiter.

Ruhe ist jetzt jedenfalls so ziemlich das Letzte auf der Agenda der deutschen Eishockeynationalmannschaft. Wenn sie heute im Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft auf die USA trifft, steht für sie mehr als nur ein simples Spiel an. Auf der mächtigen Bühne der Schalker Arena geht es natürlich ums Prestige und es geht nach der verkorksten zurückliegenden WM um Wiedergutmachung – nur das Heimrecht bewahrte die Deutschen vor einem Jahr vor dem sportlichen Abstieg. „Dieser Tag wird eine Riesensache“, sagt Krupp. „Ich bin sicher, dass uns die Euphorie helfen wird. Unser Ziel ist, gegen die USA zu gewinnen.“

Es mag sich ein wenig vermessen anhören, dass eine deutsche Mannschaft einen Sieg über ein Team vom Eishockeykontinent Nordamerika anpeilt – in 45 WM-Begegnungen verlor sie 31 Mal gegen die USA –, allerdings spekuliert offenbar nicht nur Stürmer Philip Gogulla mit dem „Überraschungseffekt“. Man hofft insgeheim, den Gegner vor ungewohnt großer Kulisse überrumpeln zu können und sich durch den Vorbereitungsmarathon einen Wettbewerbsvorteil verschafft zu haben. Einige Wochen lang spielen sich die Deutschen nun schon in WM-Form, während die US-Amerikaner um Kapitän Jack Johnson von den Los Angeles Kings in dieser Konstellation erst seit wenigen Tagen auf dem Eis stehen. „Wir setzen auf den Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft“, sagt Angreifer Sven Felski von den Eisbären Berlin. „Pflicht ist es, die Zwischenrunde zu erreichen.“

Dazu müsste sein Team im letzten Vorrundenspiel mindestens den vermeintlich schwächsten Konkurrenten aus Dänemark schlagen. Erfolge gegen die beiden anderen Gruppengegner Finnland und die USA würden die Ausgangslage verbessern, sogar bis ins Viertelfinale vorzudringen. So weit will man sich im deutschen Lager rhetorisch dann aber doch nicht vorwagen – das oft utopische Anspruchsdenken der Vergangenheit ist Realismus gewichen. Beim Deutschen Eishockey-Bund hat man sich zwischenzeitlich eben viel Kompetenz in Sachen Bescheidenheit erworben.

Zu viel ist zuletzt schiefgelaufen; zu oft hat sich Bundestrainer Uwe Krupp seit seinem Amtsantritt im Jahr 2005 in Debatten mit der Liga um mehr Vorbereitungszeit aufgerieben. Krupp diskutiert nun nicht mehr; er versucht, aus der Ausgangslage das Beste rauszuholen – auch wenn er wegen der Nichtberücksichtigung des Liga-Torschützenkönigs Thomas Greilinger schon wieder Kritik geerntet hat. Bei der bislang wichtigsten Mission seiner Karriere will sich der bullige Mann nicht von äußeren Faktoren ablenken lassen. Schließlich „haben wir einen langen und harten Weg vor uns“, sagt Uwe Krupp. Erst danach bleibt für ihn wieder Zeit für Erholung. Vielleicht.

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