Eishockey-WM : Leon Draisaitl - Kanada statt Köln

Leon Draisaitl bricht in der NHL Rekorde. Das Nationalteam vermisst ihn bei der Heim-WM

Claus Vetter
Leon Draisaitl glänzt in der NHL.
Leon Draisaitl glänzt in der NHL.Foto: Codie McLachlan/Getty Images/AFP

Ein Grüppchen deutscher Eishockeyfans steht vor der Kölner Arena. Zwei der Anhänger tragen ein Trikot der Nationalmannschaft, Rückenname: Draisaitl. Slowakische Anhänger laufen auf die Deutschen zu, recken den Daumen hoch. Einer sagt: „Leon Draisaitl, best hockeyplayer in the world.“ Das ist sicher übertrieben, denn mit 21 Jahren hat der deutsche Angreifer noch Potenzial nach oben, aber es zeigt die Wertschätzung des Kölners: Leon Draisaitl ist eine neue Größe im Eishockey. Allerdings nicht bei der Weltmeisterschaft in seiner Heimatstadt, sondern viel weiter westlich. Am Sonntag schoss er im Viertelfinale der National Hockey League (NHL) die Edmonton Oilers zu einem 7:1 gegen Anaheim. Drei Tore, zwei Vorlagen. Das schaffte zuvor kein Deutscher in der besten Eishockey-Liga der Welt.

Das ist sehr erfreulich für Leon Draisaitl, aber würde der Angreifer dem deutschen Eishockey nicht mehr helfen, wenn er bei der WM in der Heimat auflaufen könnte? Das ist nun wieder verschoben, am Mittwoch gibt es ein siebtes Spiel in der Serie der Oilers. Und gewinnen die Kanadier das, wird Draisaitl nicht mehr nach Köln kommen. Ganz offen wünschte ihm mancher Mitspieler im Nationalteam den Erfolg in den Play-offs nicht. Christian Ehrhoff, dessen Einsatz auch am Montag im dritten Turnierspiel der deutschen Mannschaft gegen Russland fraglich war, hat Draisaitl geschrieben, dass er es sich „aus rein egoistischen Gründen“ wünsche, „dass Leon uns bei der WM verstärken kann. Danach kann er gern jedes Jahr ganz lange Play-offs spielen.“

Verhärtung der Interessenslagen

So schnell kann das gehen, vor zwei Jahren noch wollte der frühere Bundestrainer Pat Cortina nicht mit Draisaitl zur WM gehen. Der 19-Jährige sei noch nicht so weit. Erst Peter John Lee, damals Manager der Eisbären Berlin, stimmte Cortina um: „Den Leon musst du mitnehmen, der ist bald einer der fünf besten Spieler der Welt.“ Cortina sagte, in Ordnung, er brauche ja noch Spieler für Sturmreihe vier. Heute lässt sich sagen, Cortina lag etwas daneben: Draisaitl war zweitbester Scorer seines Teams in der NHL-Hauptrunde (77 Punkte) und ist bester Scorer seines Teams in den Play-offs.

Nun lässt sich darüber streiten, ob eine zur Endphase der NHL-Play-offs ausgetragene WM Sinn macht. Einige Topspieler fehlen immer, weil sie noch in Nordamerika beschäftigt sind. Doch weder die NHL noch der Weltverband wollen von ihren Terminplanungen abrücken. Die NHL ist die Eishockey-Liga mit dem meisten Geld und die Nordamerikaner interessieren sich im Profisport wenig für die Befindlichkeiten in der Restwelt. Auf der anderen Seite brauchen die nationalen Verbände die Einnahmen als Gastgeber einer WM, um sich zu finanzieren. Dass ein bekannter Sportrechtevermakter aus der Schweiz auch noch kräftig an den WM-Turnieren mitverdient, trägt zur Verhärtung der Interessenslagen bei.

Wertschätzung hilft der Szene

Vor Kurzem erst hat Leon Draisaitl gesagt, dass er Köln für die schönste Stadt überhaupt halte. So sind sie eben oft am Rhein, wo der Berliner gern mal über die Heimat mäkelt, ist der Kölner naturstolz. Doch seiner Heimat wird der Kölner womöglich nicht helfen können, ein großes Eishockeyfest zu inszenieren. Sollte Draisaitl in ein paar Wochen gar den Stanley-Cup in die Luft stemmen nach erfolgreichem Titelgewinn in der NHL, wird das in Deutschland sicher weniger Beachtung finden, als wenn das deutsche Team ins WM-Halbfinale stürmt. Bis heute ist die WM-Halbfinalteilnahme 2010 großes Thema. Davon, dass etwa die Deutschen Dennis Seidenberg (2011) und Tom Kühnhackl (2016) nach 2010 den Stanley-Cup gewannen, spricht in Köln derzeit keiner.

Das Auftreten von Leon Draisaitl in der NHL hilft der Wertschätzung des deutschen Eishockeys in der Szene. Darüber hinaus muss es dem Eishockey in Deutschland nicht helfen. Es sei denn, viele junge Spieler eifern nun Leon Draisaitl nach.

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