Sport : Eishockey-WM: Schaulaufen für das Viertelfinale

Claus Vetter

Wie stark sind die Russen? Genügt reine Defensivtaktik zu einem Remis? Reicht die Kraft nach dem schweren Spiel gegen Kanada? Fragen, die für die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft bis zum frühen Montagabend höchste Priorität besaßen und ab 18.17 Uhr niemanden mehr interessierten. Zu diesem Zeitpunkt nämlich dröhnte die Schlussirene durch die Preussag Arena zu Hannover, und Deutschland stand im Viertelfinale der Weltmeisterschaft. Ein 8:1 (2:1, 2:0, 4:0)-Sieg der Schweizer über Italien beseitigte alle Zweifel und verlieh der letzten Zwischenrundenspiel der Deutschen heute (16 Uhr, live auf Sat 1) gegen Russland den Charakter einer Testpartie. Es geht nur noch darum, ob die Deutschen als Dritter oder Vierter der Zwischenrunde ins Viertelfinale am Donnerstag in Köln einziehen.

Italien ist raus, Deutschland weiter - Bundestrainer Hans Zach hat ganze Arbeit geleistet. Den aber interessierte trotz allem schon gestern nur noch das Spiel gegen die Russen. "Wir haben eine Chance", sagt Hans Zach. Sollte seine Mannschaft diesen Worten Taten folgen lassen, dann darf sich Boris Michailow wieder auf einiges gefasst machen. Die Ansprüche im Lande mit den meisten aktiven Eishockeyspielern in Europa sind noch immer hoch, und nach Niederlagen gegen Zwerge wie Deutschland wird über Entlassungen nicht nur geredet.

Boris Michailow weiß, worum es für ihn geht. Schon nach dem 1:5 in der Zwischenrunde gegen Kanada war der russische Trainer daheim hart kritisiert worden. Er ist kaum mehr als eine Art Missstandsverwalter, ausgerechnet er, Boris Michailow, der als Spieler achtmal Weltmeister und zweimal Olympiasieger war. Das war in den 70ern, als die Sowjetunion fast immer mühelos ihr Titel-Abonnement einlösen konnte. Zwischen 1963 und 1990 wurde die UdSSR fünfmal nicht Weltmeister. Doch nach dem politischen Zusammenbruch der Sowjetunion wurde es düster: Russland wurde nur einmal Weltmeister, 1993, ausgerechnet in Deutschland. Seitdem gab es nie mehr als Platz vier, Tiefpunkt war der neunte Rang bei der WM 2000, da ließen sich die Russen im eigenem Land von Weißrussland, Lettland und der Schweiz düpieren - obwohl sie 14 Spieler aus der nordamerikanischen Profiliga NHL im Kader hatten. Diesmal sind es nur vier.

Der Niedergang des russischen Eishockeys ist ein Spiegelbild der für den Mitteleuropäer mitunter undurchsichtig wirkenden postkommunistischen Gesellschaft. Bei manchem Klub der ersten Liga hat die Mafia ihre Hände im Spiel. Dieses Jahr wurde ein Torwart von Erstligist Metallurg Magnitogorsk ermordet, 1997 Verbandspräsident Walentin Sytsch auf offener Straße erschossen. Der Verband ist ohnehin in Nöten. Bei dieser WM versuchten die Russen über einen ukrainischen Betreuer, der wiederum einen Apotheker in Berlin kennt, an medizinisches Gerät zu kommen.

Viele russische Talente suchen früh den Weg in den Westen, den Sprung ans große Geld schaffen immer weniger. Die Stars der Generation nach Künstlern wie Igor Larionow, Sergej Makarow oder Wjatscheslaw Fetisow sind schnell aufgezählt: Pawel Bure, Sergej Fedorow, vielleicht noch Alexej Jaschin. Alle drei spielen in der NHL, kommen aber in die Jahre. In Russland selbst verlagert sich Eishockey immer mehr in die Provinz, wo potente Sponsoren sitzen. Früher waren es Klubs wie Dynamo oder ZSKA Moskau, heute spielen Metallurg Magnitogorsk, Lada Togliatti oder AK Bars Kasan um die Meisterschaft. Jüngster Fischzug von Kasan war die Verpflichtung von Jan Benda. Dem deutschen Stürmer wird das Jahr in der Hafenstadt an der Wolga fürstlich vergütet. Benda soll 400 000 Dollar netto bekommen.

Ein deutscher Eishockey-Spieler in Russland? Dazu noch einer, der im eigenen Nationalteam nur oberer Durchschnitt ist? Die Talfahrt des russischen Eishockeys ist wohl noch nicht auf ihrem Tiefpunkt. In ihr letztes Spiel der WM-Zwischenrunde gegen Deutschland (Beginn 16 Uhr, Live-Übertragung in Sat 1) gehen die Russen heute zwar als Favorit. Doch die Deutschen - einst nicht mehr als ein Sparringspartner für die UdSSR - sind nicht mehr krasser Außenseiter.

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