Sport : Eishockey-WM: Zachs kernige Burschen

Sven Goldmann

Eröffnungsbully. Es stehen sich gegenüber: auf der linken Seite Robert Reichel, Kapitän der tschechischen Nationalmannschaft, einer der besten Eishockeyspieler der Welt. Rechts ein Bürschchen aus dem Schwarzwald mit einem schützenden Gitter vor dem Gesicht. 18 500 Zuschauern machen verdammt viel Lärm in der Kölnarena. Zweimal stochert Reichel nach, aber der Puck geht an den Deutschen mit dem Gitterhelm, den er tragen muss, weil er bei dieser Weltmeisterschaft offiziell noch als Juniorenspieler geführt wird. Gestatten: Marcel Goc, 17 Jahre alt, Mittelstürmer in Diensten der Schwenninger Wings. Am Sonntag, beim sensationellen 2:2 gegen Weltmeister Tschechien, hat er den ersten deutschen Sturm geführt und - auf solche Symbolik achten Eishockeyspieler - das Eröffnungsbully gegen den großen Robert Reichel gewonnen. Ach, das war der Reichel? Schön. "Aber eigentlich interessiert mich das nicht", hat Goc später erzählt. "Manchmal gewinnst du ein Bully, manchmal verlierst du es. Gegen wen, das ist doch egal."

Einfach drauflos spielen, nur nicht weiter nachdenken, das ist ziemlich genau das Konzept, mit dem die Deutschen bei dieser Weltmeisterschaft die Konkurrenz und die eigenen Fans verblüffen. Den Abstieg wollten sie verhindern. Nach dem 3:1 über die Schweiz und dem 2:2 gegen Tschechien ist ihnen schon vor dem letzten Vorrundenspiel heute in Hannover gegen Weißrussland (15.15 Uhr, live in Sat 1) ein Platz in der Zwischenrunde sicher, das Viertelfinale scheint greifbar nahe. Und alle Welt rätselt, wie sie das gemacht haben, die zuletzt allenfalls zweitklassigen Deutschen, die vor zwei Jahren in der Welt noch an Nummer 20 geführt worden waren. "Also, das weiß ich selbst nicht", sagt Stürmer Klaus Kathan, und auch Kollege Daniel Kreutzer bleibt mit seinem Erklärungsmuster im Ungefähren: "Wir spielen einfach brutal unser Spiel."

Das ist eigenwillig formuliert und in der Sache nicht ganz richtig, denn sie spielen nicht ihr Spiel, sondern das ihres Trainers. Hans Zach hält nicht viel von Leichtigkeit und Eleganz. "Das können wir nicht", sagt der Bundestrainer. "Wir müssen Eishockey arbeiten." Unter dieser Prämisse hat er seine Mannschaft zusammengestellt. Da darf sogar einer wie der Kasseler Thomas Daffner mitspielen, den der EV Landshut vor vier Jahren noch in die zweite Liga abgeschoben hatte. Jetzt, mit knapp 30, ist er Stammspieler in der Nationalmannschaft. Nach Zachs Philosophie sind es eben nicht immer die besten Spieler, die das beste Team bilden. Den schmächtigen Oberhausener Robert Hock etwa hat er nicht mal zu einem Testspiel eingeladen, obwohl er mit 20 Toren der erfolgreichste deutsche Stürmer in der DEL ist. Und Alexander Serikow von den München Barons, vom Potenzial her ein Mann für die nordamerikanische Profiliga NHL, spielt schon lange keine Rolle mehr, weil er anderen Annehmlichkeiten des Lebens nicht entsagen mag. Na, so einer hat dem Zach-Hans gerade noch gefehlt.

Wenn der Bundestrainer von seinen "kernigen, guten Burschen" erzählt, die "hart marschieren können", wenn er ihren "Kampfgeist und guten Charakter" lobt, dann wirkt das schon ein wenig deutschtümelnd. Zach winkt ab. Deutsche Tugenden - was dagegen? Stolz ist er darauf, dass anders als früher mehr junge Einheimische als eingebürgerte Kanadier in der Nationalmannschaft stehen: die 19-Jährigen Dennis Seidenberg, Thomas Greilinger und Christoph Schubert, der 20-Jährige Robert Müller und natürlich Marcel Goc. Jetzt spielen sie um die Teilnahme am Viertelfinale, Zach spürt eine "Welle der Euphorie, die uns in ganz Deutschland entgegenschlägt".

Als alles gesagt ist, will noch einer wissen, warum denn die WM-Spiele fast ausschließlich in Leo Kirchs Bezahlfernsehen laufen. Zach überlegt einen Augenblick und grummelt, "dass ich mich doch nicht um alles kümmern kann". Außerdem: "Meine Spieler sehen alle ganz gerne Pay-TV, aber ich glaube, die schauen sich andere Sachen an." Wie es sich für kernige, gute Burschen gehört.

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