Eishockey-Zweitligist verpflichtet NHL-Stars : Sensation im Sahnpark

Das Eishockey-Märchen von Sachsen: Chris Stewart und Wayne Simmonds aus der NHL spielen für den Kleinstadtklub Crimmitschau.

Claus Vetter
Von Pennsylvania nach Westsachsen. Simmonds stürmte zuletzt für den NHL-Klub Philadelphia Flyers. Gestern trainierte er erstmals mit den Eispiraten Crimmitschau.
Von Pennsylvania nach Westsachsen. Simmonds stürmte zuletzt für den NHL-Klub Philadelphia Flyers. Gestern trainierte er erstmals...Foto: dapd

Großes Eishockey in Crimmitschau – das gab es in der sächsischen Kleinstadt im Landkreis Zwickau lange nicht mehr. Vor der politischen Wende in der DDR durfte nicht erstklassig gespielt werden, seit der Wende darf zwar hochklassig gespielt werden – nur kann es das nicht. Es fehlen einfach die Mittel, seit gut zwei Jahrzehnten dümpelt der Klub in der Dritt- und Zweitklassigkeit herum. Seit Dienstag allerdings wartet der Kleinstadt-Klub mit einer erstklassigen Sensation auf: Ein Duo aus der nordamerikanischen Profiliga NHL läuft am Wochenende für die Eispiraten auf, im Derby gegen die Lausitzer Füchse aus Weißwasser.

Es ist ein wahnsinniges Märchen. Die beiden NHL-Spieler Chris Stewart und Wayne Simmonds wechseln für zunächst 30 Tage aus der besten Liga der Welt nach Westsachsen. „Für den kleinen Eishockey-Standort Crimmitschau sind beide Verpflichtungen ein Jahrhundert-Transfer“, heißt es in der Mitteilung des Zweitligisten. Möglich wurde die Verpflichtung durch den Arbeitskampf in der NHL. Klubbesitzer und Spielergewerkschaft streiten derzeit über einen neuen Tarifvertrag. Der für den 11. Oktober geplante Saisonstart muss aller Voraussicht nach verschoben werden. Etliche NHL-Spieler zieht es daher nach Europa.

Stewart erreichte in der vergangenen Saison mit den St. Louis Blues das Playoff-Viertelfinale. Wayne Simmonds unterzeichnete kürzlich einen Sechsjahresvertrag bei den Philadelphia Flyers. Insgesamt haben beide 24 Jahre alten Profis schon über 500 Spiele in der NHL bestritten. Statt St. Louis und Philadelphia heißt es nun für das Duo Crimmitschau – dort wird im zwar überdachten, aber an der Seite offenen Stehplatz-Arena im Sahnpark gespielt. Das Stadion wird die beiden Kanadier an die Zeit erinnern, als sie in ihrer Jugend auf dem Teich spielen durften.

440 000 Euro stehen dem Verein aus Crimmitschau in der laufenden Saison für Spieler zur Verfügung. Das Gehalt von Simmonds in Philadelphia betrug drei Millionen Euro. Stewart verdiente in St. Louis gut die Hälfte. „Beide kennen sich von Kindesbeinen an. Ihr Traum war es, einmal gemeinsam in einem Team zu spielen“, sagt Rene Rudorisch, Geschäftsführer der Eispiraten. Die 150 Sponsoren des Vereins wurden zur Unterstützung aufgefordert – und legten zusammen. Die Aufwandsentschädigung der beiden befreundeten Kanadier soll nicht sehr üppig sein. Immerhin rund 20 000 Euro müssen aber allein für die Versicherung bezahlt werden.

Absurd ist es allemal, dass Stewart und Simmonds – wenn schon in Deutschland – in Liga zwei spielen. Womöglich aber ist die Chance, dort ohne Verletzungen über die Runden zu kommen, für die beiden NHL-Profis besser als in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL), wo es härter und schneller zugeht. „Wir wollen mit dem Team möglichst viele Siege einfahren. Nebenbei können wir auch noch Deutschland kennenlernen“, sagte Stewart. Angeblich gab es auch Anfragen von DEL-Klubs und aus Skandinavien. Kein Verein wollte aber beide Spieler.

Eisbären-Manager Peter John Lee, der sich mit seinem Klub in Sachen Verpflichtungen aus der NHL noch zurückhält, staunt über den Transfer in Crimmitschau. „Allein schon die Versicherungssumme ist für so einen Klub eher schwer zu stemmen“, sagt Lee. Allerdings dürfte in Crimmitschau der Marketingeffekt greifen – so wie in Krefeld. Bei dem DEL-Klub kamen zum Heimspiel am Freitag gegen Hamburg 2000 Zuschauer mehr als sonst, waren zudem sämtliche Trikots mit der Nummer 55 ausverkauft: Die trägt in Krefeld während der Spielpause in der NHL Christian Ehrhoff, bester Verteidiger der Buffalo Sabres.

Auch in der DEL werden in den kommenden Tagen noch mehr arbeitslose Profis aus der NHL auflaufen: Marcel Goc (Florida Panthers) stürmt schon Freitag für die Adler Mannheim, Verteidiger Dennis Seidenberg (Boston Bruins) soll ab Dienstag für seinen ehemaligen Klub auflaufen. Auch die Nürnberg Ice Tigers haben nun einen Spieler mit NHL-Erfahrung verpflichtet: Stürmer Steven Reinprecht, der schon 713 mal in der besten Eishockey-Liga der Welt auflief. Allerdings hat Nürnberg Planungssicherheit: Reinprecht, auch schon mal kurz in Mannheim, erhält einen Vertrag bis Saisonende. Womöglich ist dann der NHL-Spuk von Crimmitschau schon vorbei – falls sie sich in Nordamerika auf einen neuen Tarifvertrag geeinigt haben. (mit dapd)

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